· 

Was sich durch die Überwindung der Depression für mich änderte

Dass es sich lohnt, sich der eigenen Depression und möglicher weiterer Begleitsymptome zu stellen, wirst du dir vermutlich denken können ;-). Und keine Sorge: Ich versuche dich nicht von irgendwas zu überzeugen. Im zweiten Teil des Artikels hatte ich es erwähnt: All die Veränderungen, die sich bei mir eingestellt haben, sind lediglich ein Angebot von mir oder eine Art Wegweiser. Du bist völlig frei in deinen Entscheidungen und ich kann gut nachvollziehen, wenn du an deinem inneren sicheren Ort bleiben magst.



Sich der Depression zu stellen, gleicht für mich dem Bergsteigen

Sich der Depression stellen Intensive Aufarbeitung

Denn ganz ehrlich? Die intensive Aufarbeitung ist kein Zuckerschlecken. Da mache ich dir nichts vor. Das Bild von mir ist im Herbst 2019 entstanden. Sieht eher nicht so dolle aus, was? :-). Ich hatte es aufgenommen, nachdem ich eine weitere Erkenntnisflut in mein Tagebuch geschrieben hatte. Hunger und Durst war ich immer wieder übergangen. Ich konnte allerdings auch oft nicht anders. Wenn die Dinge raus wollten, wollten sie eben raus. Ob das früh 9 Uhr oder nachts 2 Uhr war, spielte keine Rolle. Wenn du dich deiner Depression stellst, kann es gut passieren, dass all deine (vielleicht mühsam erarbeiteten) Rhythmen durcheinandergewirbelt werden.

 

Trotzdem hatte ich das Bild damals aufgenommen, um mir auch einfach mal selbst zu zeigen, wie anstrengend das alles war. Was ich mir zumutete und wie mich die Aufarbeitung mitnahm. Das Bild vom Bergsteigen gefällt mir an der Stelle sehr gut. Denn du besteigst nicht irgendeinen Berg und kein Hügelchen. Du besteigst einen Berg, den du nicht kennst. Die Wetterlagen ändern sich, plötzlich können sich steile Abhänge und Schluchten innerlich vor dir auftun. Du wirst auf schmalen, unerschlossenen Wegen gehen, manchmal gibt es auch keine Wege. Manchmal verirrst du dich und manchmal möchtest du einfach nur aufgeben. Manchmal wirst du dich wütend und verzweifelt fragen, was der ganze Scheiß soll und du verlierst den Gipfel aus den Augen. Manchmal musst du Umwege machen oder einige Schritte zurückgehen. Manchmal hast du die falsche Ausrüstung dabei und manchmal geht es ohne Hilfe nicht weiter. Manchmal kommen Gefahren auf dich zu; schmerzvolle Erkenntnislawinen, welche drohen, dich fortzureißen.

Nicht aufgeben!

Sich der Depression stellen Auflösung Schutzmauern

Nein, ich will dir ganz gewiss keine Angst machen. Ich will dir eine Ahnung dessen geben, was innerlich auf dich zukommen kann, wenn du deine Depression nachhaltig heilen möchtest. Und ich gestehe: Oft habe ich mir gewünscht, dass mir jemand sagt, was da auf mich zukommt, wie weit es noch ist, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Wenn wieder eine schmerzliche und verdrängte Situation in mir wahrgenommen werden wollte, habe ich oft auf meinem Sofa gelegen und gedacht: „Ok, wenn ich jetzt sterben soll, dann ist es eben so.“ Glaube mir, mir war mein Leben in diesen Momenten keinesfalls egal. Und ich spürte ganz tief in mir zwar, dass der innere Sprung in den scheinbar bodenlosen, schwarzen Angstabgrund der einzig richtige Weg war. Doch konnte ich mir da wirklich sicher sein? Überhaupt nicht.

 

Denn besonders am Anfang, also nach meiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik im November 2018, war die Aufarbeitung besonders schwer und gefährlich. Einerseits wusste ich zwar, dass ich mich all dem Verdrängten stellen musste und wollte, um aus dem Depressions- und Suizidloch zu kommen. Andererseits hatte ich null Erfahrung damit. Und meinen Körper kannte ich damals auch noch nicht und konnte seine Signale nicht einordnen. Ich konnte nicht abschätzen, wann die Belastungsgrenze erreicht war. Ja, eine Prise Verrücktheit war damals dabei :-).

 

Wenn das also alles nicht ungefährlich, mit körperlichen und psychischen Strapazen und dann noch mit einem solchen Aussehen wie oben verbunden ist – Wozu soll das alles gut sein?!

 

Die Frage finde ich richtig gut :-).

Der Gipfel und die sich bei mir einstellenden Veränderungen

Eins vorweg: Nein, ich habe keine übernatürlichen Superkräfte oder etwas ähnliches :-). Hier tippt gerade ein ganz „normaler“ Mensch, mit Stärken und Schwächen, mit guten und weniger guten Tagen, mal mit guter und mal mit „Lasst-mich-ja-alle-in-Ruhe“-Laune. Klingt fast schon unspektakulär, oder?

 

Doch dass ich hier sitze und schreiben kann, ist für mich immer noch ein Wunder. Ich weiß, wie viel Glück ich hatte. Und dass ich nicht mehr von meiner Vergangenheit, den Flashbacks, den Suizidgedanken, Panikattacken, den so anstrengenden Zwangsgedanken, der Hoffnungslosigkeit, dem Selbsthass und und und bedrängt werde, sind für mich alles Wunder (ok, bei den Zwangsgedanken ist noch Luft nach oben). Außerdem bin ich für all die folgenden Veränderungen einfach nur dankbar:

Sich der Depression stellen Meine Veränderungen

1. Nein sagen ohne Drama

Sich der Depression stellen Nein sagen

Eine Veränderung, auf die ich sehr stolz bin und die ich als eine meiner wichtigsten Veränderungen einordnen würde. Das „Nein“ spüre ich mittlerweile schnell und eindeutig in meinem Körper UND sage es auch konsequent (ganz ohne Drama). Doch da steckt harte Arbeit und viel viel viel Überwindung drin. Als ich im Herbst 2018 gefühlt das erste Mal Grenzen setzte, war ich danach dem Kreislaufzusammenbruch nahe. Darüber schreibe ich nochmal einen eigenen Artikel.

2. Widerstände aushalten

Es ist nicht immer leicht, etwas abzulehnen, Grenzen zu setzen bzw. „Nein“ zu sagen. Auch ich war mit angreifenden und absichtlich verletzenden Sätzen wie „Du kümmerst dich nur noch um dich.“ und „Du denkst nur noch an dich.“ aus meinem nächsten Umfeld konfrontiert. Das tat weh, richtig weh. Weil versucht wurde, mir Schuldgefühle einzureden. Dennoch freue ich mich sehr darüber, wie gut ich mittlerweile in solchen Momenten in mir verankert bin.

3. Keine Angst mehr vor meinem Innenleben

Sich der Depression stellen Keine Angst vorm Innenleben

Diffuser Druck in der Brust oder im Bauch? Schmerzen im Körper? Unerklärliches Kribbeln, andauernde Anspannung oder das Gefühl, nicht im Körper zu sein? Panische Gedanken wie „Was ist grad in mir los?!“ - Nein, vor all solchen Empfindungen habe ich keine Angst mehr. Da ich beispielsweise das Fühlen wieder zuließ und neu lernte, kann ich den jeweiligen Gefühlen schnell die entsprechenden Empfindungen in meinem Körper zuordnen. Wenn ich beispielsweise Angst habe, spüre ich einen eiskalten Klammergriff um mein Herz und Enge in der Brust. Ich habe gelernt, dass dieser Klammergriff grundsätzlich nichts Schlimmes ist. Es ist ein normales und gesundes Zeichen dafür, dass ich Angst habe. Darüber bin ich noch immer erleichtert. Denn früher wusste ich schlichtweg nicht, was es mit solchen Empfindungen auf sich hatte und das verstärkte meine Panikattacken noch.

4. Fühlen und dazugehörige Bedürfnisse spüren

Sich der Depression stellen Fühlen können

Wo fange ich an :-). Wieder fühlen UND die entsprechenden Bedürfnisse schnell zuordnen UND kommunizieren zu können, macht für mich schlichtweg mein Gefühl von Lebendigkeit aus. In mir staut sich nichts mehr lange an.

 

Für mich war es keinesfalls leicht, mich an meine Gefühle heranzutasten. Schon in der Klinik fing ich an, meinen Lieblingspfleger mit Fragen zu löchern, wofür einzelne Gefühle gut sein sollen. Ich stellte sie mir anfangs als farbige und unterschiedlich große Geister in mir vor, die ich situationsabhängig kombinierte :-). Naja, aller Anfang ist schwer :-).

 

Außerdem gibt es in meiner Welt keine „positiven“ und „negativen“ Gefühle. Ein Gefühl IST und will wahrgenommen werden. Ja, das gilt in meinen Augen auch für Gefühle wie Hass, Wut, Verzweiflung, Angst, Trauer, Eifersucht, Neid, Missgunst etc. Das sind keine „schlechten“ Gefühle. Jedes Gefühl hat wichtige Botschaften für dich. Wusstest du, dass der Hass erstmal nichts weiter als „Abstand“ bedeutet (Danke an meinen Lieblingspfleger!)? Aber bevor ich jetzt Aufsätze schreibe, mache ich daraus einen eigenen Artikel.

5. Ich zeige mich verletzlich

Sich der Depression stellen wieder verletzlich sein

Kannst du dir vorstellen, folgendes einem dir nahestehenden Menschen zu sagen? „Ich fühle mich gerade ungesehen; nicht wahrgenommen; missverstanden; verletzt; überfordert; unter Druck gesetzt?“ Kannst du dir vorstellen, dabei vielleicht auch zu weinen und dich nicht für deine Tränen zu schämen? Weg von Vorwürfen („DU hast mich verletzt!“, „DU tust mir weh!“, „DU beachtest mich nicht!“, „DU hörst mir nicht zu!“ usw.), hin zur eigenen Verletzlichkeit?

 

Wie fühlst du dich dabei? Vielleicht klein, zart, angreifbar, verwundbar, nackt, schutzlos? Das kann ich gut verstehen. Und darf ich dir was sagen? Es ist wundervoll.

 

Ich ahne deinen Einspruch :-). Und nein, ich bin natürlich nicht vor (verbalen) Angriffen geschützt. Doch weißt du, welches Gefühl mich hier gut beschützt bzw. verteidigt? Meine Wut (das ist übrigens mein Lieblingsgefühl). Vielleicht erkennst du bereits, wie wichtig also das Fühlen ist. Nein, ich schlage dann nicht um mich oder beleidige mein Gegenüber. Ich wähle meine Worte dann so deutlich und passe meine Stimme so an, dass die Botschaft „Mit mir nicht!“ klar und unmissverständlich ankommt. Ich brauche also keine Schutzmauern und keinen Stacheldraht um mein Herz mehr. Meine Gefühle sind nun die Wächter.

6. Keine lähmende Angst mehr vor Fehlern und Scheitern

Bis zu meinem Klinikaufenthalt war ich ein reines Angstbündel. Große Angst hatte ich beispielsweise bei neuen Aufgaben. Das war schon zu Schulzeiten so. Angst vorm Ausgelachtwerden, vor Bloßstellung, vor drohendem Ärger, vor Strafe, vor Ausgrenzung, vor bösen oder spöttischen Blicken. Ich gebe zu: Besonders diese Angst hat Spuren in mir hinterlassen und selbst heute spüre ich bei neuen Aufgaben und mir unbekannten Situationen diese tiefe Angst in mir. Doch sie hat ihre übermächtige Wirkung zum Glück verloren.

 

Was sich jedoch deutlich in mir verändert hat, ist meine Einstellung zum Scheitern. Etwas klappt nicht? Na gut, hat es eben nicht geklappt. Natürlich musste ich entsprechende Situationen erst durchmachen und ich habe viel zum Scheitern gelesen. Doch sich einer Situation und dem möglichen Scheitern zu stellen, hat aus meiner Sicht einen RIESENGROßEN Vorteil: Ich habe hinterher keine Sehnsucht. Nagende Gedanken wie „Ach hätte ich mich doch damals bloß getraut.“ habe ich nicht. Stehe ich vor einer Herausforderung, frage ich mich immer wieder folgendes: „Wenn ich bald sterben würde – Wie würde es mir gehen, wenn ich es nicht wenigstens versucht hätte?“ Und so überwinde ich mich jedes Mal. Nein, das geht nicht immer so aus, wie ich es mir im Vorfeld wünsche. Das war sicherlich anfangs hart. Doch so hat die Option „Scheitern“ für mich ihren Schrecken verloren.

7. Starke Wut und Aggression fresse ich nicht mehr in mich hinein

Sich der Depression stellen Wut und Aggression rauslassen

…ich lasse sie raus. Nein, dafür muss ich keinen Menschen verprügeln, kein Tier quälen, jemanden anpöbeln oder beschimpfen, etwas mutwillig zerstören oder beschädigen. Ich muss keine Steine und Flaschen schmeißen, jemanden demütigen, kurzum: Ich muss meine Aggressionen nicht unkontrolliert an anderen auslassen. Meine Sofakissen kriegen es ab :-). Nein, ich bin ganz sicher keine Heilige. Auch bei mir entstehen gewisse Szenarien im Kopf, wenn ich mich beispielsweise über längere Zeit empfindlichst in meinem starken Ruhebedürfnis gestört fühle und meine Bitten um Ruhe einfach ungehört bleiben. Jaaaa, dann passiert was in meinem Kopf ;-).

 

Doch auch das war für mich ein langer Weg. Im Artikel zur Heilung meiner Depression habe ich beschrieben, dass ich mehrere Monate brauchte, um an meine unterdrückte Wut zu kommen. Und noch immer passiert es mir nur allzu regelmäßig, dass ich dem Drang, an meiner Haut herumzudrücken, nachgebe. Doch da sind wir schon bei der nächsten Veränderung.

8. Ich bin nachsichtiger mit mir

Sich der Depression stellen Perfektionismus als Maßstab

Was, auch ich bin nur ein Mensch!? Ich bin nicht vollkommen!? Fehler und „Schwächen“ gehören dazu?! Und das ist ok?!?! Von mir selbst tagtäglich 200 Prozent zu erwarten, war für mich völlig selbstverständlich. Ja, der Perfektionismus. An ihm (bzw. auch an ihm) wäre ich fast zugrunde gegangen. Mir meine eigenen Fehler und Unvollkommenheiten überhaupt zu erlauben, war für mich ein intensiver Lernprozess. Denn ich musste überhaupt erstmal lernen, dass mir nichts Schlimmes passiert, wenn ich mal nicht „perfekt“ bin.

 

Und so kann ich gut verstehen, wenn es auch dir schwer fällt, den eigenen Perfektionsanspruch loszulassen. Wo kommen die hohen Ansprüche bei dir her? Wann und unter welchen Bedingungen sind sie bei dir entstanden? Wurde Perfektionismus von dir erwartet? Hast du den Perfektionsanspruch unbewusst vielleicht auch deshalb übernommen, um dich vor etwas zu schützen (im Sinne von: „Wenn ich versuche, alles richtig zu machen, passiert mir nichts/weniger.“)? Auch darauf gehe ich nochmal in einem eigenen Artikel ein.

9. Meine Wunden sind für mich keine Schwächen mehr

Auf meinem bisherigen Weg bin ich gelegentlich Menschen begegnet, die mir einreden wollten, dass meine „Schwachstellen“ etwas wie „innere Schatten“ oder ähnliches sind. Besonders anfangs verunsicherte mich das stark und ich glaubte, an mir wäre etwas falsch. Ich glaubte einige Zeit, dass solche „Schatten“ irgendwann verschwinden, wenn ich nur hart genug an mir arbeiten würde.

 

Heute sehe ich das anders. Meine Wunden gehören zu mir, sie sind ein sehr sensibler und schützenswerter Teil von mir. Mir ist mittlerweile bewusst, dass einige meiner tiefsten Wunden (Verlustangst, Bindungsangst und das Zulassen von emotionaler Nähe) mich mein Leben lang begleiten werden. Damit gehen verstärkte Eifersucht, Neid und Missgunst einher. Das habe ich für mich akzeptiert und trotzdem ruhe ich mich darauf nicht aus. Ich sehe das mittlerweile als kontinuierliche Übung, um meine Bedürfnisse rechtzeitig zu kommunizieren und für sie einzustehen.

10. Entspannung - ohne schlechtes Gewissen!

Sich der Depression stellen Entspannung ohne schlechtes Gewissen

So seltsam, wie das vielleicht klingt – aber dieses Thema war ein wirklich dickes Brett für mich. Noch heute ertappe ich mich dabei, wie sich frühere Gedankenmuster wie „Ok, wenn ich abgewaschen UND den Müll runtergebracht habe, lese ich mein Buch weiter.“ einschleichen (besonders dann, wenn ich mich gestresst fühle). Mich selbst zu belohnen, mir etwas Gutes zu tun, OHNE vorher die Welt gerettet zu haben, war völliges Neuland für mich. Mir das selbst zu erlauben, hat sich lange überhaupt nicht gut und richtig angefühlt. Doch das Dranbleiben hat sich für mich mehr als gelohnt. Damit hängt auch der nächste Punkt zusammen.

11. Entspanntere Einstellung zum Geld

Sich der Depression stellen Entspanntere Einstellung zum Geld

Ein großes Thema für mich. Ich war nicht nur anderen gegenüber ein Geizkragen. Sondern ganz besonders mir selbst gegenüber. Die Vorstellung, „zu wenig“ Geld zu haben, war zutiefst angsteinflößend für mich (das hat natürlich tiefere Gründe). Und so gab ich nur das allernötigste aus, auch in Zeiten, in denen ich keine Geldnot hatte. Vor meinem Klinikaufenthalt arbeitete ich daher nicht nur in einem Vollzeitjob. Nein, ich war der Meinung, auch noch einen Nebenjob machen zu müssen. Einen lockereren Umgang mit Geld musste ich daher erst lernen. Mittlerweile hat sich die stark hamsternde Einstellung zum Glück deutlich entspannt und auch die Schuldgefühle haben sehr nachgelassen. Wenn ich also beispielsweise im Sommer Lust auf meinen Lieblingseisbecher habe (Spagetti-Eis!), dann kaufe ich ihn mir :-).

12. Weniger Albträume und nächtliches Weinen

Wenn du wie ich hauptsächlich mit der rechten Gehirnhälfte denkst, sind intensive Träume grundsätzlich normal. Doch seit meiner frühen Jugend litt ich unter schlimmen und teils brutalen Albträumen, die ich nie jemandem erzählt hatte. Manche von ihnen begleiteten mich viele Jahre. Auch vor meinem Klinikaufenthalt wachte ich regelmäßig nachts auf und weinte. Manchmal war ich zunächst völlig orientierungslos.

 

Heute habe ich zwar gelegentlich mal noch einen Albtraum. Doch sie haben an Häufigkeit und besonders an Brutalität deutlich abgenommen, worüber ich wirklich erleichtert bin. Denn falls du auch von solchen grausamen Albträumen geplagt bist, weißt du selbst am besten, wie kraftzehrend und beängstigend solche Träume sind.

13. Rechtzeitig um Hilfe bitten

Um Hilfe zu bitten und Hilfe zuzulassen, war für mich lange Zeit unmöglich. Tiefes Misstrauen und große Angst vor Enttäuschung, Verletzung und Ablehnung verhinderten, dass ich mich anderen Menschen anvertraute.

 

Doch heute bin ich bekennender Beratungsstellen-Fan. Egal ob Lohnsteuerhilfe, Mieterschutzbund, Stalkingberatung - ich zögere auch nicht mehr, mir bei größeren Problemen einen Anwalt zu nehmen. Wenn ich spüre: „Oh je, das schaffe ich allein nicht.“, suche ich mir schnell Hilfe, damit mir das Problem nicht über den Kopf wächst.

Sich der Depression stellen Rechtzeitig um Hilfe bitten

14. Ich fühle mich nicht mehr für alles und jeden verantwortlich

Ja, das Helfer-Syndrom ;-). Was ich schon in meiner Kindheit gut konnte, war, zu erahnen, was mein Gegenüber brauchen könnte. Ich hatte zutiefst verinnerlicht, es allen recht zu machen und mich für alles und jeden zuständig zu fühlen. Das war mir natürlich nicht bewusst und den ganzen Frust schluckte ich hinunter. Bitte verstehe mich nicht falsch: Mir ist mein Umfeld ganz und gar nicht egal. Doch ich sage nicht mehr zu allem einfach „Ja“, sondern spüre vorher in mich hinein und prüfe meine Bedürfnislage. Und wenn ich doch etwas ablehne, verschiebe oder absage, habe ich auch kein schlechtes Gewissen mehr.

 

Übrigens erwartete ich früher permanente Hilfs- und Aufopferungsbereitschaft natürlich auch von anderen. Wenn ich entrüstete und ent-täuschte (!) Sätze wie „Das wird man ja wohl erwarten dürfen!“ oder „Das ist doch wohl das Mindeste, was ich erwarten darf!“ höre, muss ich innerlich schmunzeln. Früher sah ich das genauso. Wehe, jemand erdreistete sich, zu sich selbst zu stehen! Innerlich verbannte ich diesen Menschen auf den Mars (aber eigentlich war ich ganz tief in mir auch neidisch). Und auch das ist für mich eine angenehme Veränderung: Ich kann anderen Menschen zunehmend besser ihren eigenen Lebensweg lassen und bewerte sie immer weniger bezüglich ihrer Entscheidungen.

15. Ich empfinde mein Leben endlich als lebenswert

Sich der Depression stellen lebenswertes Leben

„Ich empfinde mein Leben endlich als lebenswert“ – ich hätte gerade große Lust, das hundertmal zu schreiben :-). Nein, ich bin kein Millionär, habe keine Luxus-Villa, habe kein ausgefallenes Hobby usw. Ich spreche keine Fremdsprachen, habe keinen Führerschein, keinen Fernseher und keine 1.000 Facebook-„Freunde“. Und es fehlt mir auch nicht ;-). Auch ich habe doofe Tage, mal schlechte Laune und manchmal möchte ich meine lauten Nachbarn auf den Mond schießen.

 

Was macht mein Leben dann lebenswert? Mich und meinen Körper endlich zu spüren und auf seine Signale zu hören, den Kaffee morgens mit ins warme Bett zu nehmen (ohne schlechtes Gewissen), meine Gefühle zuzulassen, endlich Ideen umzusetzen und nicht mehr darüber nachzudenken „Oh Gott, was denken die anderen jetzt nur von mir?!“, abends mein Glas Wein zu trinken, diesen blöden Zwangsgedanken nicht mehr ausgeliefert zu sein, keine Flashbacks mehr. Und immer wieder den Mut zu haben und der Frage nachzugehen „Worauf habe ich jetzt Lust?“ (statt: „Was wird von mir erwartet?“).

 

Das schafft kein Geld der Welt.

Sich der Depression stellen Lebenswertes Leben

Ok, ich gebe zu, das passt alles nicht auf einen kleinen Wegweiser :-). Ich will dir damit andeuten: Parallel zur intensiven und schmerzhaften Aufarbeitung hast du in meinen Augen auch die Möglichkeit, viel Neues zu entdecken und zu lernen. Nein, das ändert deine Vergangenheit leider nicht. Doch du entwickelst aus dir selbst heraus immer wieder den Mut und die Kraft, den nächsten Schritt zu gehen. Und dabei gibt es kein „Muss“ (Gruselwort). Aus meiner Sicht ist es also möglich, ein lebenswertes und erfülltes Leben zu erreichen (was natürlich für dich etwas anderes bedeuten kann als für mich).

 

Herzensgrüße und bis bald wieder

 

Deine Kirsten

 

Falls du zurückschauen möchtest, findest du hier die beiden vorherigen Teile des Artikels: