Depression heilen - Mein Erfahrungsbericht

Du erfährst in diesem Artikel, wie ich es schaffte, meine Depression zu heilen. Ich beantworte die Fragen, was ich unter der Erkrankung Depression und, damit zusammenhängend, unter dem Begriff Heilung verstehe. Außerdem teile ich mit dir meine wichtigsten Hilfsmittel und ermuntere dich anhand von persönlichen Tipps, nach für dich passenden Wegen und Lösungen zu suchen. Bitte beachte auch den Hinweis zur Eigenverantwortung am Ende der Seite.

 

Auch wenn der Weg schwer, manchmal sehr schwer und schmerzhaft ist, steht für mich fest: Eine Depression ist heilbar. Ich wünsche mir von Herzen für dich, dass es dir bald (wieder) gut geht. Bitte denke daran: Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben. Du hast ein dich erfüllendes Leben verdient. Ich wünsche mir, dass du dir das selbst erlauben kannst.

 

Lass uns die Reise beginnen…


Depression heilen Inhaltsverzeichnis

1. Worum es im Artikel nicht geht

Ich kann im Folgenden nur meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse zur Heilung meiner Depression mit dir teilen. Aus meiner Sicht verläuft jede Depression doch irgendwie individuell. So wie auch jede Lebensgeschichte und damit letztlich jeder Heilungsweg individuell ist.

 

Deshalb habe ich keine umfassenden Erfahrungen bezüglich der Anwendung und Wirksamkeit von Medikamenten, geeigneter Therapieverfahren und einer langjährigen Auseinandersetzung mit der Erkrankung Depression.

 

Denn mir wurde erst während meines Klinikaufenthaltes im Herbst 2018 erstmals bewusst, dass ich depressiv bin. Und das, obwohl ich 2015 schon einmal keine Kraft mehr hatte. Auch Suizidgedanken waren für mich über all die Jahre so selbstverständlich, dass ich nicht ansatzweise auf die Idee einer sehr ernsthaften Erkrankung kam. Heute klingt das für mich verrückt. Damals war das für mich normal. Mein Leben war „eben so“. Ich kannte es nicht anders.

 

Bei meiner Klinikaufnahme wurde mir allerdings sofort klar: DAS ist meine Chance. Ich will nie wieder in dieses dunkle Loch fallen. Denn: Ein drittes Mal würde ich das nicht überleben. Der Lebensmotor in mir sprang wieder an und so begann mein Heilungsweg.

Depression heilen Nie wieder in dieses dunkle Loch!

2. Was ist eine Depression für mich?

Depression heilen Typische Depressionsgedanken

An dieser Stelle möchte ich gern meine individuelle Definition der Depression mit dir teilen. Denn wie schon erwähnt, war mir bis zu meinem Klinikaufenthalt nicht klar, dass ich depressiv war. Und das, obwohl meine Diagnose „Depression und Angststörung“ schon auf meiner ersten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vor der Klinik gestanden hatte. Dieses Wort „Depression“ rauschte irgendwie an mir vorbei. Verrückt, oder?

 

Nachdem sich mein Zustand in der Klinik nach einigen Tagen stabilisiert hatte, konnte ich die wöchentliche Aufklärungsgruppe zur Depression im Krankenhaus besuchen. Und obwohl „Aufklärung Depression“ nun in meinem Wochenplan stand, begriff ich es noch immer nicht. Unvoreingenommen und irgendwie neugierig ging ich hin.

 

Dann teilte uns die Ärztin einen A4-Zettel aus. Auf diesem standen die für eine Depression typischen Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und Verhaltensmuster.

 

Ich las. Ich erkannte mich in beinahe allen Punkten wieder. Gefühlt traf mich der Blitz.

 

Ich werde nie das Gefühl vergessen, als ich glaubte, dass mir jemand in diesem Moment einen eiskalten Eimer Wasser über den Körper kippt. Ich war völlig fertig und konnte nicht mehr zuhören. ICH sollte krank sein?! Ich war doch immer so stark und für alle da. Jetzt sollte ICH plötzlich krank und „schwach“ sein? Ich war restlos überfordert.

 

Direkt nach der Gruppe ging ich zu meinem Lieblingspfleger. Ich MUSSTE mit ihm reden. Was sollte das sein – Depression? Er beruhigte mich und dann nannte er mir seine Definition der Depression:

Depression heilen Definition Depression

So einfach, so tiefgehend. Augenblicklich spürte ich damals für mich, dass er damit Recht hatte. Und so wurde seine Definition mein Leitfaden für die nächsten beiden Jahre. Ich wusste damals intuitiv, dass ich mich meinen verdrängten Gefühlen und den entsprechenden Situationen stellen musste. Auf mich wartete sehr schwere Arbeit. Doch gleichzeitig wusste ich: Wenn ich mich dieser Aufarbeitung nicht stelle, lande ich über kurz oder lang wieder in diesem dunklen, stillen Suizidloch. Das wollte ich auf gar keinen Fall.

 

Auch wenn meine Depression heute geheilt ist, gilt die Definition für mich rückblickend noch immer. So denke ich beispielsweise immer wieder daran, wenn starke Gefühle in mir wahrgenommen werden wollen.

 

(Falls du mehr über Gefühle und Emotionen erfahren möchtest, empfehle ich dir das Buch „Gefühle und Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung“ von Vivian Dittmar. Hinweis: Ich persönlich finde das Buch für Traumapatienten ungeeignet. Die Gefahr ist aus meiner Sicht zu groß, dass zu viel auf einmal ausgelöst wird.)

3. Was bedeutet für mich Heilung?

Depression bedeutet also für mich „verdrängte Gefühle“. In diesem Zusammenhang möchte ich nun meine eigene, individuelle Definition des Begriffs Heilung mit dir teilen:

Depression heilen Definition Heilung

Damit meine ich nicht den meditierenden Mönch in einer einsamen Hütte. Ich verstehe darunter, dass Traumata, belastende und möglicherweise immer wiederkehrende oder zwanghafte Gedanken und innere Bilder keine Macht mehr über dich haben. Und zwar dauerhaft. Ohne Rückfall.

 

Für mich persönlich spielt dabei die bewusste Akzeptanz deiner Vergangenheit und inneren Wunden und die Vergebung eine wichtige Rolle, worauf ich später nochmal eingehe.

4. Begleiterkrankungen und Begleitsymptome der Depression

Depression heilen Begleiterkrankungen einer Depression

Neben schweren traumatischen Ereignissen, körperlichem, sexuellem und emotionalem Missbrauch, Gewalt, Erniedrigungen usw. können auch beständige Lieblosigkeit in der Familie, Gefühlskälte, Häme, Spott, emotionale Erpressung, eine unverarbeitete Trennung der Eltern oder unbewusste, perfektionistische Ansprüche aus meiner Sicht schon sehr früh in eine Depression (also zur Verdrängung von Gefühlen) führen. Die Ursachen für eine Depression und weiterer Erkrankungen können sehr vielfältig sein (der Verlust eines geliebten Menschen oder eines Tieres, eine plötzliche Trennung oder eine schwierige Scheidung können aus meiner Sicht ebenso eine Depression hervorrufen).

 

Mir begegnen immer wieder Menschen, die mir erzählen, dass sie eigentlich schon als Kind depressiv waren. Möglicherweise hatten sie in dieser Zeit sogar schon Suizidgedanken. Die Diagnose Depression erhielten sie aber oft erst viel später. Auch starke Schuldgefühle spielen in den Erzählungen meistens eine große Rolle. Viele, ich eingeschlossen, sind dann zutiefst überzeugt, selbst schuld an all dem zu sein, was ihnen passiert ist.

 

In meiner Therapie war es für mich augenöffnend, als mir die Therapeutin den kindlichen Egozentrismus nach Jean Piaget erklärte. Was das bedeutet, möchte ich dir an einem Beispiel zeigen:

 

Stell dir  vor, du bist ein kleines Kind, es ist Sommer und du möchtest schwimmen gehen. Die Sonne scheint an diesem Tag. Du als Kind wirst nun selbstverständlich davon ausgehen, dass die Sonne deshalb scheint, weil DU schwimmen gehen möchtest. Für ein Kind ist das logisch und normal.

 

Nach Piaget KANN das Kind also NICHT ANDERS schlussfolgern. Das hat nichts mit dessen Intelligenz zu tun. Es ist eine entwicklungspsychologische Stufe.

 

Je früher du also traumatische Ereignisse bzw. andauernde Abwertung etc. erfahren musstest, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du dir selbst wie selbstverständlich die Schuld daran gibst. Noch schlimmer wird das ganze aus meiner Sicht, wenn du schon früh Sätze hören musstest, wie „Du bist doch selbst daran schuld.“, „Jetzt hör auf zu heulen.“ oder „Hättest du xyz nicht gemacht, wäre dir das nicht passiert.“ Statt Trost, Zuwendung und körperlicher Nähe erfährst du Ablehnung und Schuldzuschreibung. Und so werden unter Umständen schon sehr früh in deinem Leben depressive Grundüberzeugungen wie „Mir steht ein gutes Leben nicht zu.“, „Ich bin nur eine Last.“, „Ich habe es verdient, dass es mir schlecht geht.“ oder „Ich mache eh alles falsch“ gelegt.

Depression heilen Tiefer Schmerz und Kummer

Deshalb ist es aus meiner Sicht nur zu verständlich, wenn sich aufgrund der traumatischen und belastenden Lebenssituationen und Lebensumstände weitere Erkrankungen, Symptome und schädliche Verhaltensweisen aller Art entwickeln. Dazu zählen für mich auch vielfältige körperliche Beschwerden. Für mich persönlich ist der Mensch kein „Diagnosenflickenteppich“. Aus meiner Sicht sind wir ganzheitliche Wesen, das heißt Körper-Geist-Psyche hängen für mich zusammen.

 

Natürlich ist es möglich, dass du deinen Körper und dessen Signale gar nicht (mehr) spüren kannst. Von deinem Innenleben ganz zu schweigen. Vielleicht hasst du deinen Körper sogar, wenn er schmerzt und nicht „liefert“. Dann treibst du dich möglicherweise noch mehr an. Deine Gedanken geben einfach keine Ruhe. Verletzt du dich vielleicht sogar selbst? Richtest du deine ganze verdrängte Wut und Aggression möglicherweise gegen dich selbst? Falls es dir so oder ähnlich geht, kann ich dich sehr gut verstehen.

Depression heilen Skin Picking
Vom Skin Picking bin ich bis heute betroffen (Foto vom Juli 2021)

5. Mein Alltag vor der Klinik

Wenn ich heute zurückschaue, spüre ich immer wieder zwei Dinge: Fassungslosigkeit und tiefe Dankbarkeit. Fassungslosigkeit fühle ich deshalb, weil mein schlechter Zustand für mich völlig normal war. Ich kannte es nicht anders. Ich identifizierte mich so sehr mit der stets netten, ruhigen, einfühlsamen, verständnis- und rücksichtsvollen und perfektionistischen Kirsten, dass ich nicht ansatzweise mitbekam, wie ich immer tiefer in die Dunkelheit rutschte. Und deshalb fühle ich gleichzeitig große Dankbarkeit. Denn mir ist bewusst, wie viel Glück ich hatte. Es hätte alles anders ausgehen können.

 

Schon Monate bevor ich im September 2018 in die Klinik kam, drehte sich das Karussell immer schneller. Mein Immunsystem war vom jahrelangen chronischen Stress völlig aus dem Takt geraten (dazu zähle ich z. B. auch Weinen, wenn es nicht erleichternd ist). Ich hatte schwere Nierenentzündungen, Erkältungen, Grippe, Kopf-, Rücken- und extreme Regelschmerzen. Für diese „Schwäche“ hasste ich meinen Körper. Wenn ich morgens aufwachte, drehten sich meine Gedanken schon. „Wieder ein anstrengender Tag.“, „Ich kann nicht mehr.“, "Wozu noch?“. Mit immer drängenderen Suizidgedanken ging ich zur Arbeit. Ich arbeitete viel, fühlte mich für Aufgaben zuständig, die gar nicht erforderlich waren oder nicht in meinem Bereich lagen. „Nein“ sagen, konnte ich nicht. Ich glitt in eine an Mobbing grenzende Arbeitsatmosphäre hinein.

 

Zu Hause war ich einfach nur erschöpft. Die Arbeit ging mir immer noch durch den Kopf. Ich aß immer schlechter. Um das alles irgendwie zu kompensieren, trank ich immer mehr. Bis in die Nacht. Und ich drückte meine Haut auf, stundenlang. Dabei weinte ich viel, aber es war kein erleichterndes Weinen. Auch wenn meine Haut blutete, fing ich wieder von vorne an. Kaskadenartige Flashbacks quälten mich, sie kamen immer häufiger.

 

Ganz besonders wichtig war mir aber, dass niemand etwas davon mitbekam. Niemand sollte meine „Schwäche“ sehen. „Ich schaffe das schon. Ich bin stark.“ Das saß ganz tief in mir drin.

Depression heilen gemaltes Bild Isolation
Ein von mir gemaltes Stimmungsbild: Völlige innere Isolation und Verschlossenheit

Dass das alles nicht so ganz normal sein konnte, dämmerte mir erst, als ich auch auf Arbeit und in der Öffentlichkeit zu weinen begann. Ich hatte es nicht mehr unter Kontrolle. Doch Gedanken wie „Anderen geht es viel schlechter als mir.“, „Was stell ich mich so an?“ und „So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ hielten mich noch einige Zeit von einem Anruf bei einem Arzt ab.

 

Bis ich es nicht mehr aushielt. Ich weinte gefühlt nur am Telefon. Wofür ich mich prompt stark schämte. Trotzdem war ich sehr erleichtert, als ich spürte, dass die Ärztin meinen Zustand ernst nahm.

 

Ich wurde für drei Wochen krankgeschrieben, was mich sehr überraschte. Ich war von drei Tagen ausgegangen. „Kurz runterkommen und dann geht es schon wieder“, glaubte ich.

 

Die ersten Tage liefen zu Hause gut. Ich erholte mich ein bisschen, gönnte mir Kleinigkeiten. Aber dann stürzte alles zusammen. Von den Flashbacks erholte ich mich nicht mehr. Ich bekam Panikattacken; doch wusste ich ja gar nicht, was das ist. Ich war in einer Art Albtraumwelt gefangen.

 

Dann wachte ich am 17.09.2018 mit Schwindel und Übelkeit nach einer sehr unruhigen Nacht auf. Ich legte mich im Wohnzimmer auf den Boden. Plötzlich hörte ich eine tiefe, klare, völlig ruhige Stimme in mir: „Lass es einfach sein. Hör einfach auf.“ Ich kann bis heute nicht sagen, warum ich danach zum Handy gegriffen habe und nicht den anderen Weg wählte. Ich weiß es nicht. Ich rief meine Ärztin an und kam noch am gleichen Tag gottseidank auf Station. Und wie schon erwähnt, sprang dort endlich mein Lebensmotor wieder an.

 

Warum erzähle ich dir das so detailliert? Weil ich mir von Herzen wünsche, dass du es nicht so weit kommen lässt. Ich hatte viel Glück. Und deshalb mein dringender Appell an dich:

 

Bitte suche dir Hilfe. Sei dir Hilfe wert. Du hast sie verdient und sie steht dir zu.

6. Die ersten Wochen nach der Klinik

Ich war rund zwei Monate in stationärer psychiatrischer Behandlung. Zwischendurch wurde ich wegen einer erneuten schweren Nierenentzündung in ein anderes Krankenhaus verlegt. Was ich damals noch nicht wusste: Der eigentliche Weg zur Heilung meiner Depression begann erst nach meiner Entlassung. Die Klinik war dazu da, um mich zu stabilisieren. Die eigentliche Aufarbeitung stand mir noch bevor.

 

Regelmäßig ging ich im 14-Tage-Rhythmus zu meiner ambulanten Therapie in einer Psychiatrischen Institutsambulanz (wenn der Termin nicht ausfiel). Es tat mir sehr gut und nahm mir viel Druck, als meine Therapeutin sagte, ich könne mir mit dem Erzählen meiner Geschichte Zeit lassen. Wichtig sei anfangs vor allem, dass ich die Stabilisierung im Alltag halte.

 

Dennoch waren die ersten Wochen nach meinem Krankenhausaufenthalt alles andere als leicht. Auch wenn ich mittlerweile wusste, was eine Panikattacke ist, überfielen sie mich doch immer wieder. Es war eine quälende Zeit. Die Zwangsgedanken hielten mich im Griff (ich sollte maximal drei Dinge am Tag machen). Meine Anspannungsprotokolle aus der Klinik führte ich weiter. Täglich machte ich zwei Traumaübungen. Ich lernte, mich selbst zu belohnen und mir auch dann mal etwas zu gönnen, wenn ich nichts dafür vorher getan hatte (dabei kämpfte ich täglich mit meinen Schuldgefühlen).

Depression heilen Selbstfindung
Nach einer extremen Panikattacke endlich der Durchbruch

Aufgrund der einsetzenden, tiefen Erschöpfung nach den Panikattacken begann ich mich im Dezember 2018 zu fragen, wofür und für wen ich eigentlich leben möchte. Für mich oder für „die Dinge“ (also den Job, Haushalt, Menschen in meinem Umfeld, Materielles etc.)? Mir war klar: Für mich. Doch was hieß das genau?

 

So stellte ich mir erstmals in meinem Leben die Fragen:

  • Wer bin ich?
  • Welche Bedürfnisse habe ich?
  • Was ist eine gute Richtung für mein Leben?

Zwar fiel es mir äußerst schwer, die Fragen zu beantworten. Trotzdem war das für mich ein Wendepunkt. Zum ersten Mal machte ich mir über mich selbst Gedanken. Das war Neuland für mich. Und ich DURFTE das. Das war für mich damals nicht selbstverständlich.

 

Wie es der „Zufall“ wollte und da ich damals sehr offen für neue Wege war, entdeckte ich über Umwege einen Tantrakurs. Unvoreingenommen und neugierig ging ich zum Vorstellungsabend. Ich war völlig begeistert. Und obwohl der anschließende, zehnwöchige Einsteigerkurs voll war, wurde extra für mich von den Kursleitern ein zusätzlicher Platz freigemacht. Als ich an diesem Abend nach Hause ging, liefen mir die Tränen übers Gesicht. Vor Glück. Denn ich spürte: DAS ist mein nächster Wegabschnitt.

 

Für mich persönlich war der Tantrakurs so intensiv wie eine zweite Therapie. Atem- und Körperübungen brachten mich erstmals wieder mit meinem Körper in Verbindung. Das Sprechen über psychosoziale Grundbedürfnisse und Grenzen löste eine große Erkenntnisflut in mir aus. Achtsame und wertschätzende Berührungsübungen zeigten mir eine völlig neue Berührungsqualität. Erste Persönlichkeitsanteile sammelte ich nach und nach zusammen. Tür um Tür ging für mich auf. Neue Menschen mit neuen Impulsen kamen in mein Leben. Das Leben hatte mich wieder :-).

7. Was hat mir geholfen?

Mir ist bewusst, dass die Mittel und Wege, die mir bei der Heilung meiner Depression geholfen haben, dir nicht zwangsläufig auch helfen müssen. Trotzdem möchte ich dich ermuntern, nach für dich passenden und stimmigen Möglichkeiten für deinen individuellen Heilungsweg zu suchen. Die für mich wichtigsten und effektivsten Hilfsmittel möchte ich dir nun vorstellen.

Schreiben

Depression heilen Hilfsmittel Schreiben
Meine Tagebücher

Schon in der Klinik stellte sich das Schreiben als eines der wichtigsten Hilfs- und Ausdrucksmittel für mich heraus. Am Abend sollten wir zusammenfassen, wie es uns tagsüber ergangen war bzw. was uns besonders beschäftigte. Nahtlos führte ich das Schreiben nach der Entlassung fort. So begann ich mit dem Tagebuchschreiben. Noch heute blättere ich gelegentlich durch meine ersten Bücher, um mir immer wieder bewusst zu machen, welch langer und steiniger Weg hinter mir liegt. Auf hier auf der Webseite füge ich an passenden Stellen Auszüge aus den Tagebüchern ein.

Die Gewissheit, jederzeit in die Klinik zu können

Das klingt vielleicht erstmal ein wenig seltsam. „Rückschritt“ klingt da eventuell durch. Doch so fühlte es sich für mich nicht an. Zu wissen, dass ich im schlimmsten Notfall einen festen Hilfspunkt hatte, hat mir bei meiner Aufarbeitung viel ermöglicht. So konnte ich zusammen mit dem Schreiben auch besonders dunkle Phasen der Aufarbeitung meistern. Die Telefonnummer der Klinikstation, auf der ich war, lag viele Monate auf meinem Schreibtisch.

Therapie

Wo wäre ich ohne meine Therapeutin? Ich war rund 10 Monate in ambulanter Therapie. Ich habe oft in mein Tagebuch geschrieben, wie erleichtert ich war, mit ihr jemanden zum Reden zu haben. Hatte ich mich z. B. bei verschiedenen Meditationen zu weit bzw. zu tief in mich selbst vorgewagt, wusste ich stets, dass ich mit ihr einen wichtigen Ansprechpartner hatte. Diese Gewissheit half mir, die Zeit bis zum nächsten Gespräch zu überbrücken und nicht in Panik zu geraten.

Bereitschaft, neue Wege zu gehen

Durch den Tantrakurs und die Menschen, die ich dadurch kennen lernte, eröffneten sich mir weitere Möglichkeiten zur Heilung meiner Depression. Denn für mich war all die Zeit über klar: Ich will NIE WIEDER in dieses dunkle (Suizid)Loch fallen. Das trieb mich an. Und so probierte ich vieles aus. Besonders half mir die Arbeit mit dem inneren Kind, Workshops zur Körperwahrnehmung, zum Grenzenspüren und Grenzensetzen, das Mantrasingen, Vergebungsarbeit, die Arbeit mit Kinderbüchern zur Trennungsverarbeitung und das bewusste Entladenlernen meiner angestauten Gefühle wie Traurigkeit, Wut und Hass.

Depression heilen Hilfsmittel neue Wege gehen
Ein von mir gemaltes Stimmungsbild: Angestautes Innenleben

(Ich arbeitete mit folgenden Kinderbüchern: "Die Sehnsucht des kleinen Orange" von Judith Zacharias-Hellwig, "Weil du mir so fehlst" von Ayse Bosse und Andreas Klammt, sowie "Was, wenn Eltern auseinandergehen?" von Dagmar Geisler.)

8. Besondere Schwierigkeiten auf meinem Weg zur Heilung

Falls du selbst im Moment in einer Therapie bist oder eine andere Form der Aufarbeitung gewählt hast, wirst du für dich selbst am besten wissen, wie schwierig und herausfordernd der Weg ist. Trotzdem gab es für mich einige besondere Schwierigkeiten, die ich gern mit dir teilen möchte. Damit möchte ich signalisieren, dass du keinesfalls allein mit möglichen Problemen und Hürden bist.

Schmerzvolle und bittere Erkenntnisse

Eine besonders schmerzhafte Einsicht hatte ich bereits in den ersten Tagen meines Klinikaufenthaltes. Mir wurde klar, dass nur ich selbst mich heilen kann. Nur ich selbst war dafür verantwortlich. Es nützte nichts, jemandem die Schuld an meinem Zustand, all den unerfüllten Bedürfnissen und tiefen Wunden in mir zuzuschieben. Sicherlich hätte das erstmal verständliche Erleichterung bedeutet. Doch so wäre ich aus dem dunklen Loch nicht herausgekommen. Heilung wäre nicht möglich gewesen. Und mir war von Anfang an klar: Nochmal hätte ich eine solche Phase nicht überlebt (natürlich löste diese bittere Einsicht trotzdem viel gesunde und berechtigte Wut in mir aus).

Depression heilen Extrem schmerzvolle Erkenntnisse

Es kann auch vorkommen, dass  dich besonders bittere und schmerzvolle Einsichten so überwältigen, dass du möglicherweise nicht weißt, wie du diesen Moment aushalten kannst. Erst recht, wenn du in dieser Zeit allein bist und Hilfe nicht schnell erreichbar ist. Doch die gute Nachricht ist (und das ist alles andere als "abgedroschen" gemeint): Diese Phase und mögliche Verzweiflung gehen vorüber. Es ist das bekannte "Licht am Ende des Tunnels". Der innere Sturm wird sich wieder legen. Die innere aufgewühlte See wird sich wieder beruhigen. Und wenn du das geschafft hast, hast du aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung einen riesengroßen Schritt geschafft. Mir persönlich half es dann sehr, wenn ich darüber schrieb, was da gerade in mir vorging. Da ging es nicht um Form und Ausdruck. Es zählte einfach nur das "Rauslassen". Vielleicht magst du malen, zeichnen, kritzeln, schreiben, singen, dich bewegen oder etwas anderes machen. Mir ist nur wichtig, dass du in solchen Phasen etwas tust, was DIR hilft.

Einsamkeit

Depression heilen Schwierigkeiten Einsamkeit

Es gab Situationen und Nächte, in denen ich komplett auf mich selbst gestellt war. Das waren keine angenehmen Momente. Natürlich konnte nur ich selbst mich meinen Abgründen, tiefen Ängsten und belastenden Situationen stellen. Doch oft wünschte ich mir, dass mich nach diesen extrem anstrengenden Minuten oder Stunden einfach jemand in den Arm nimmt. Mich tröstet. Mich hält. Es hätte kein Wort gebraucht, nur Anwesenheit. Natürlich lernte ich so, mich endlich auch selbst in den Arm zu nehmen. Trotzdem war der Wunsch nach der Wärme und Präsenz eines anderen Menschen immer wieder in mir da.

 

Zu früher Wiedereinstieg ins Arbeitsleben

Schon sechs Wochen nach meiner Entlassung war ich der Meinung, es wieder mit dem Arbeiten zu versuchen. Stufenweise sollte die Arbeitszeit ab Mitte Dezember 2018 erhöht werden. Das konnte nicht funktionieren. Denn zu dieser Zeit begannen gerade mal meine Traumaübungen zu wirken und ich war stolz auf mich, dass mich mein Haushalt nicht allzu sehr überforderte. Ich merkte sehr schnell, dass ich den Anforderungen noch lange nicht gewachsen war. Und so zogen meine Ärztin und ich zwar frühzeitig die Handbremse. Doch ich kann mich noch gut an das dumpfe Unwohlsein erinnern, als ich die ersten Male mit meiner Psychiaterin über die Wiedereingliederung sprach. Mein Körper hatte mir damals schon signalisiert: "Lass es." So sollte es dann einige Wochen später auch sein und meine Ärztin schrieb mich im April 2019 wieder krank. Und das war gut so.

 

Ich kann dir an dieser Stelle nur empfehlen, auf deinen Körper und dessen Signale zu hören. Sie sind eindeutig. Sprich mit deinem Arzt bzw. Therapeuten darüber. Aus meiner Sicht geht deine Gesundheit vor. Du hast nichts von einem möglichen Rückfall.

9. Woran merkte ich das Geheiltsein?

Depression Heilung geschafft

Ich merkte die einsetzende Heilung meiner Depression etappenweise. Je mehr ich aufarbeitete, neu lernte und je besser ich meinen Körper wieder spürte, desto klarer wurde mir: Ich schaffe es. Die verdrängten Gefühle und Ereignisse konnte ich nach und nach wieder zulassen. Mit der Zeit hatte ich keine Flashbacks mehr, die Panikattacken verloren ihre Heftigkeit. Allmählich bekam ich die quälenden Zwangsgedanken in den Griff. Suizidgedanken verflogen. Wenn ich „Nein“ sagte, hatte ich mit der Zeit keine Schuldgefühle mehr. Ich lernte das Fühlen wieder. (Trotzdem gab es immer wieder schwierige Momente.)

 

Zusätzlich entdeckte ich "neue" Wesenszüge in mir, die meinem Leben eine ganz neue Ausrichtung gaben. Dazu gehören für mich vor allem die Hochsensibilität, mein Bilderdenken und der „Scanner“, also die Vielbegabung (Barbara Sher kann ich dir dazu sehr empfehlen).

 

Dass ich es endgültig geschafft hatte, wurde mir übrigens am 29.03.2020 klar. Es gibt tatsächlich für mich ein konkretes Datum :-). Ich wachte morgens auf und plötzlich sah ich innerlich eine völlig verdrängte Kindheitserinnerung wieder. Sie war nicht mal in meinen jahrelangen Flashbacks aufgetaucht. Für einen kurzen Moment lag ich wie erstarrt im Bett. Dann wurde mir plötzlich klar, dass das eine Situation war, an der ich keine Schuld hatte. Und – zack – war das Belastende aufgelöst. Ohne Nachwirkung. Da wusste ich: Ich habe es geschafft.

 

Ich fand also zu meinem inneren Frieden.

 

Dabei ist mir bewusst, dass ich weiterhin Wunden in mir habe. Manches wird vielleicht noch verheilen, manche Wunden bleiben. Die Verwundung, meine Familiengeschichte und Vergangenheit habe ich akzeptiert. Sie ist nicht rückgängig zu machen. Meine Vergangenheit bedrängt mich nicht mehr. Ich habe vergeben. Ich habe keine Angst vor der Zukunft.

 

Übrigens mache ich das Skin Picking noch immer. Diese zwanghafte Verhaltensweise hält sich doch sehr hartnäckig. Aber ich hasse mich schon lange nicht mehr dafür und die Anfälle haben deutlich an Dauer und Intensität abgenommen. Mittlerweile bin ich sogar auf meine Narben stolz. Weil sie meine Geschichte symbolisieren.

10. Depression - Ein Generationenthema?

Auf meinem Heilungsweg bin ich mit unterschiedlichsten Menschen und somit auch Lebensgeschichten in Kontakt gekommen. Auch wenn sich die Ausprägung einer Depression bei jedem Menschen individuell zeigen kann, sind mir bei vielen Familien- und Lebensgeschichten regelmäßig Parallelen aufgefallen. Oft zeigte sich, dass auch die Eltern und Großeltern meistens nicht oder kaum mit den eigenen Gefühlen auf gesunde Weise umgehen konnten. Prügel, Missachtung, Bloßstellung, Lieblosigkeit, Gefühlskälte, Anpassung an „gesellschaftliche Rollen“ (d. h. wie hat Mann/Frau, Junge/Mädchen zu sein?) spielten in sehr vielen Geschichten generationsübergreifend eine große Rolle.

 

Dennoch überraschte es mich häufig, dass viele Menschen, mit denen ich in Kontakt kam, kaum nähere Details über die Kindheit und Jugend der Eltern und Großeltern wussten. Ich persönlich finde das allerdings wichtig. Denn mir half das Wissen vor allem bei der Vergebung. Und ohne die Vergebung hätte ich meine Depression nicht nachhaltig heilen können.

 

Ich denke, es ist wichtig zu wissen, unter welchen Umständen die Eltern und Großeltern aufwuchsen. Nein, das soll definitiv keine Ausrede, Begründung und Entschuldigung für deine inneren Wunden sein. Davon grenze ich mich entschieden ab! Doch vielleicht kann das Verständnis für die Lebensumstände deiner Eltern und Großeltern dazu beitragen, dass du besser verstehst, warum sie so handelten, wie sie handelten.

Depression heilen Traumaübertragung

Wie wirkten sich beispielsweise die Weltkriege und die NS-Zeit auf deine Familie aus? Wurden Familienmitglieder vertrieben? Mussten sie Hunger, Kälte, Armut, Angst ums Überleben aushalten? Wie wirkte sich die Nachkriegszeit aus? Welche „Erziehungsmethoden“ herrschten vor? Was löste die Spaltung Deutschlands und die Wiedervereinigung in deiner Familie aus? Wurden deine Eltern und Großeltern (Urgroßeltern?) bereits in Kindertagen verprügelt, missbraucht, angebrüllt, ignoriert, bestraft, geschlagen, gequält, beleidigt, verglichen, schikaniert? Waren sie ungewollt, nie „gut genug“, „brav genug“, „fleißig genug“? Denn nicht nur die Kriege selbst, auch NS-Werke wie "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (Erstauflage 1934) von Johanna Haarer hinterließen in meinen Augen tiefe Spuren in uns (berührende und weitere Informationen findest auf dieser Seite). Das Buch wurde erst 1987! zum letzten Mal herausgegeben.

 

Wenn auch schmerzhaft, so kann es dennoch heilsam und erleichternd sein, einen tieferen Blick in die eigene Familiengeschichte zu werfen (falls du das nicht ohnehin schon getan hast).

11. Tipps für deinen Weg

Die folgenden Gedanken sollen lediglich Empfehlungen sein. Sie beruhen auf meinen individuellen Erfahrungen und Erkenntnissen zur Heilung meiner Depression. Was mir persönlich geholfen hat, muss dir also nicht zwangsläufig auch helfen. Eine solche Verallgemeinerung würde ich persönlich als anmaßend empfinden. Aus meiner Sicht gibt es nicht DEN Weg zur Heilung einer Depression.

 

Dennoch möchte ich dich von Herzen ermuntern, nach für dich passenden Hilfsmitteln und Wegen zur Heilung zu suchen. Wenn du aber beispielsweise mit deiner Therapie und Medikamenteneinstellung einen für dich guten und stabilen Punkt erreicht hast, finde ich das genauso bewundernswert. Denn an diesen Punkt muss man erstmal kommen.

Akzeptanz deiner Depression als einen erkrankten Teil von dir

Falls es dir nicht leicht fällt, die Diagnose „Depression“ für dich zu akzeptieren, kann ich das gut nachempfinden. Anders als bei körperlichen Erkrankungen oder Verletzungen sind seelische Wunden nicht auf den ersten Blick zu erkennen (manchmal nicht mal für uns selbst). Vielleicht werden psychische Krankheiten in deinem Umfeld auch abgewertet.

 

Dennoch möchte dir eine Depression nichts „Böses“. Aus meiner Sicht möchte sie dich auf verdrängte Gefühle und Wunden in dir aufmerksam machen.

 

Das möchte ich an einem Vergleich verdeutlichen. Stell dir vor, dein Fuß ist gebrochen. Aus diversen Gründen möchtest du das aber nicht akzeptieren. Also belastest du dein Bein und den Fuß fast genauso wie vorher. Ich denke, du weißt, worauf ich hinaus möchte. Denn dieses Übergehen und „Weiter so, wie bisher“ kann höchstwahrscheinlich nicht gut ausgehen. Möglicherweise geht es dir sogar noch schlechter.

 

Daher ist die bewusste Akzeptanz der Depression als einen erkrankten Teil von dir aus meiner Sicht ein erster Schritt zur Heilung.

Depression heilen Bewusste Akzeptanz der Vergangenheit

Geduld

Vielleicht kennst du das Bild mit der mehrspurigen, stark benutzten Autobahn und dem Trampelpfad aus deiner Therapie. Es dauert, bis sich neue Denk- und Verhaltensweisen in dir gefestigt haben. Wenn dein gesamtes System (Körper, Geist, Psyche) über Jahre oder Jahrzehnte hinweg Selbstabwertung, starken Schuldgefühlen, sich wiederholenden Verletzungen, ausgeprägter Angst und/oder chronischem Stress ausgesetzt war, braucht es Zeit und Geduld, bis sich erste Erfolge einstellen. Das ist richtig richtig richtig harte Arbeit.

Erlaube dir deine Gefühle

Depression heilen Tipps Gefühle erlauben
Unterdrückte Wut

Meine Gefühle zuzulassen und zu zeigen, war für mich lange mit starker Scham und eigener Abwertung verbunden. Beispielsweise war das Weinen etwas Furchtbares für mich. Ich machte es nur heimlich, weil es mir äußerst unangenehm war, dabei gesehen zu werden. So ging es mir auch in der Klinik noch.

 

Aber Gefühle gehören zu uns. Sie sind essentiell. Wenn du zur Heilung deiner Depression finden möchtest, halte ich es persönlich für unerlässlich, dass du dir deine Gefühle (wieder) erlaubst. Erlaube dir das Weinen. Erlaube dir die Wut, den Hass, die Angst, die Verzweiflung, die Ohnmacht, die Überforderung. Erlaube dir, in geschütztem Rahmen dabei gesehen zu werden. Erlaube dir, all die verdrängten und angestauten Gefühle bewusst und kontrolliert zu entladen.

 

Ich weiß, wie schwer die ersten Male sind. Um beispielsweise an meine verdrängte Wut zu kommen, brauchte ich mehrere Monate. Ich hatte Angst vor dem Vulkan in mir. Was kommt da hoch? Würde ich das aushalten? Wie fühlt sich Wut eigentlich an? Darf ich wütend sein?

 

Ich ging langsam vor. Angeregt durch einen Coach, schrieb ich zunächst Wutbriefe in mein Tagebuch. Dann zeigte sie mir einfache Atem- und Körperübungen, mit denen ich mich „auflockerte“. Doch ich wusste – ich muss irgendwann brüllen.

 

Dann war es eines Tages soweit. Ich merkte nach dem Aufwachen: „Da brodelt was in mir.“ Doch mein Hals war wie zugeschnürt. Ich schämte mich, obwohl ich allein zu Hause war. Dann dachte ich: „Ok, einfach losbrüllen, klappt nicht. Ich mache es auf meine Art.“ Also legte ich mein Gesicht aufs Kissen und sagte einfach nur „Piep“. Und nochmal. Ich wurde immer lauter. Bis ich endlich zum ersten Mal schreien konnte. Obwohl mir der Hals danach weh tat, war ich unbeschreiblich erleichtert.

 

Noch heute brülle ich übrigens bei starker Wut und angestauter Aggression in meine Kissen. Auch Kissenschlagen hat sich für mich bewährt :-).

Akzeptanz deiner Vergangenheit und deiner Wunden

Auch wenn ich natürlich nicht weiß, was dir in deinem Leben passiert ist: Ich nehme an, dass du für dich Gründe haben wirst, warum du dich mit der Erkrankung Depression auseinandersetzt.

 

Wurdest du verletzt? Schwer verletzt? Wurde dir das Herz gebrochen? Vielleicht wieder und wieder? Möglicherweise von Menschen, die dir eigentlich sehr nahe stehen? Vielleicht hast du dir geschworen, dass dir nie wieder jemand weh tut. Vielleicht hast du zum Schutz dicke Mauern um dein Herz gebaut. Mauern, die dir einst das Überleben sicherten. Um das alles irgendwie auszuhalten. Vielleicht befindest du dich innerlich aber auch in einem hohen, unerreichbaren Turm oder in einer tiefen Höhle. Vielleicht ist es dort kalt, dunkel, einsam. Aber vor allem ist es eines: Sicher.

Depression heilen Vergebung ist kein Muss

Was dir auch widerfahren ist: Es tut mir unglaublich leid. Und obwohl du vielleicht schon so viel gekämpft hast, vielleicht wenig Kraft spürst, liest du nun diesen Artikel. Mir persönlich zeigt das, wie stark du bist. Du hast es bis hierher geschafft. Da pulsiert etwas in dir. Da will etwas leben.

 

Worte dafür zu finden, wie schwer es ist, die eigene Vergangenheit bewusst zu akzeptieren, fällt auch mir beim Schreiben schwer. Statt Wertschätzung, Liebe und Geborgenheit musstest du eventuell das komplette Gegenteil erfahren. Statt dir nahe stehende Menschen an dich heranzulassen, musstest du dich vor ihnen schützen. Vielleicht hast du aber auch einen schweren Verlust eines geliebten Menschen oder eines Tieres erfahren und haderst eventuell mit dir und dem Leben.

 

Denn so ehrlich möchte ich zu dir sein: Es gibt keine Garantie und keine Sicherheit bezüglich einer erneuten, möglichen Verletzung. Doch die gute Nachricht ist: Diesen Artikel schreibt jemand, die sich die möglichen Risiken und Gefahren schonmal angesehen hat ;-). Womit ich niemals gerechnet hätte, ist die Erkenntnis, dass ausgerechnet das Zulassen und Zeigen meiner Verletzlichkeit mein größter Schutz ist. Ich bin wieder fest und stabil mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen verbunden und kommuniziere das auch (all das musste ich auch erst lernen). Das ist für mich Schutzschild und „Schutz-Aura“ in einem.

 

(Falls du dich für die bewusste Akzeptanz und möglicherweise auch für die Vergebung entscheidest – ein Tipp, natürlich kein Muss: Mir persönlich hat die Übung „Abschied vom Vater“ aus dem Buch „Weiblichkeit leben“ von Astrid Leila Bust geholfen. Aus meiner Sicht ist die Übung auch gut auf weibliche Personen übertragbar.)

Depression heilen Akzeptanz der Verwundung

Umgang mit Angehörigen und Freunden

Ich denke, auch hier gibt es nicht DEN einen Weg. Natürlich wünsche ich dir, dass dich dein Umfeld wertschätzend und respektvoll auf deinem Heilungsweg unterstützt. Doch leider weiß ich auch, dass dieser Wunsch oft unerfüllt bleibt.

 

Eigene Verunsicherung, ungelöste Traumata oder alte Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen können Verständnis und Rücksichtnahme erschweren oder gar unmöglich machen. Vor allem den weiteren Rückgang der gesellschaftlichen Vorurteile wünsche ich mir sehr für die nächsten Jahre.

 

Doch mir ist klar, dass dir das JETZT nicht hilft. An dieser Stelle kann ich dir das „Diskussionsforum Depression“ empfehlen. Dieses große und professionell geleitete Onlineforum bietet viele anonyme Austauschmöglichkeiten zu verschiedenen Bereichen der Depression.

Neue Wege

Depression heilen Neue Wege

Ich kann dich nur ermuntern, nach FÜR DICH passenden Hilfsmitteln, Methoden und Wegen zur Heilung deiner Depression zu suchen. Stelle dir deine eigene, individuelle Hilfspalette zusammen. Schaue dir gern auch alternative Behandlungsmethoden an. Es ist DEIN Weg.

 

Auch wenn du dich beispielsweise fürs Tantra, die Chakrenarbeit, die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen, Energieheilung, schamanische Methoden, Intuitives Malen usw. interessierst, finde ich das toll! Ich betone das deshalb, weil ich häufig erlebe, dass diese Wege eher belächelt und abgewertet werden (ist mir mit meiner Psychiaterin auch passiert). Doch es geht aus meiner Sicht nicht darum, was andere über deine Entscheidungen denken. Es geht um DICH und darum, was DIR gut tut. Sei mutig. Steh zu dir. Du darfst das.

 

Noch ein persönlicher Tipp von mir: Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht (und mache das bis heute so), zunächst nach kostenlosen Angeboten zu suchen. Wenn mich etwas sehr anspricht und ich spüre: "Ja, da will ich mehr erfahren", dann buche ich auch einen weiterführenden Kurs, Workshop, Übungsgruppe etc. Wenn ich den Eindruck habe, dass mir Informationen und Wissen vorenthalten werden, nur um mich als Kunde zu ködern, lasse ich die Finger davon.

12. Aufmunterndes

Depression heilen Aufmunterung Vertrauen

Zum Abschluss möchte ich mit dir gern noch die Zitate und Geschichten teilen, die mich lange begleiteten, mich inspirierten und mir Mut machten. Vielleicht kennst du sie auch.

 

„Das perfekte Herz“

Bis heute teile ich diese berührende Geschichte gern mit anderen und lese sie selbst immer wieder. Wenn du magst, kannst du nach der Erzählung googlen. Sie findet sich auf vielen Webseiten.

 

„Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ (Jorge Bucay)

In diesem Buch fand ich viel Zuspruch, Trost, Inspiration, Verständnis und Weisheit. Meine persönlichen Lieblingsgeschichten aus dem Buch sind „Flügel sind zum Fliegen da“, „Der Kreis der neunundneunzig“ und „Der Dattelpalmenpflanzer“ (eigentlich finde ich eh alle toll :-)).

 

„Achte auf die Zeichen.“ (Lars Amend)

Das Zitat hängt bei mir bis heute im Wohnzimmer. Es begleitet mich seit Januar 2019. Weißt du noch, als ich geschrieben habe, dass mir Tränen vor Glück übers Gesicht liefen, als ich eine Zusage im Tantrakurs bekam? Wenige Tage vorher hatte ich das Zitat gelesen :-). Mittlerweile sind diese Worte fest in meinem Kopf verankert.

 

„Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ (Mahatma Ghandi)

Auch dieses bekannte Ghandi-Zitat begleitet mich schon lange. Vor allem in Momenten, in denen ich starken Widerstand in mir spürte (besonders beim Vergeben), legte es sanft den Finger in meine Wunden. Es wirkte auf mich dann wie ein ermahnender, aber doch liebevoller Blick.

 

„Als ich mich selbst zu lieben begann“ (Charlie Chaplin)

Dieses Gedicht bekam ich in der Klinik von meinem Lieblingspfleger geschenkt. Eingerahmt hat es einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.

 

Ich danke dir von Herzen fürs Lesen des ausführlichen Artikels. Ich freue mich aufrichtig, dass eine so starke und mutige Person, wie du es in meinen Augen bist, meine Seite besucht. Und ich wünsche dir (weiterhin) viel Kraft und Mut für deinen Weg. An dieser Stelle möchte ich es nochmal sagen, weil ich die Botschaft der Worte so wichtig finde: DU bist der wichtigste Mensch in DEINEM Leben.

 

Herzensgrüße

 

Deine Kirsten

veröffentlicht am 15.12.2020

(wird regelmäßig aktualisiert)