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Sich der Depression stellen - Gefühle und Verletzlichkeit

„Wenn ich auf die letzten zwanzig Jahre meiner Tätigkeit mit dem heutigen Verständnis für die Zusammenhänge zurückblicke, kann ich keinen Analysanden finden, bei dem die Fähigkeit, seine echten Gefühle zu erleben, nicht in hohem Maße beeinträchtigt gewesen wäre.“ (Miller, 1983, S. 12). Diese Worte finden sich im Vorwort des Buches „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ der Psychologin Alice Miller. Es ist ein Buch, das mich persönlich sehr berührt, weil ich darin viele eigene Aufarbeitungserfahrungen und Beobachtungen wiederfinde. Denn dank meines damaligen Lieblingspflegers bedeutet die Depression auch für mich „verdrängte Gefühle“. Seine Definition war mein innerer Leitfaden für die oft quälende und schmerzhafte Aufarbeitung. Deshalb schließe ich mich auch an folgende Worte von Alice Miller an: „Die Erfahrung lehrt uns, daß wir im Kampf mit den seelischen Erkrankungen auf die Dauer nur ein einziges Mittel zur Verfügung haben: die Wahrheit unserer einmaligen und einzigartigen Kindheitsgeschichte emotional zu finden und sie anzunehmen.“ (Miller, 1983, S. 17).

Sich der Depression stellen: Ich 2014
2014, 24 Jahre alt: Blick ins Leere

"Ich kenne das alles schon"

Als ich 2018 in der psychiatrischen Klinik war, lernte ich Menschen kennen, die bereits mehrere Klinikaufenthalte und Therapien hinter sich hatten. Es berührte mich, als eine Patientin in der Aufklärungsgruppe zur Angst zu mir meinte: „Ich kenne das eh alles schon. Eigentlich könnte ich die Gruppe leiten.“ Manche hatten bereits unzählige Bücher zur Selbsthilfe gelesen und konnten nur zu gut analysieren, was die Ursachen für ihre Depression waren. Sie wussten ganz genau, was sie in der Kindheit und Jugend nicht bekommen hatten und was ihnen angetan wurde. Und doch meldete sich die Depression mit ihren Symptomen immer wieder.

 

Ich kann sehr gut nachvollziehen, weshalb die Auseinandersetzung mit den eigenen verdrängten Gefühlen, unerfüllten Bedürfnissen und inneren Schmerzen so schwerfällt. „Wissen“ ist leider nicht „Fühlen“ (was in keinster Art einen ironischen Unterton haben soll). Und glaube mir, ich versuche dich nicht auf diesen Weg zu schieben und zu drängen. Du entscheidest, ob und wann du für den Weg bereit bist. Vielleicht gehst du ihn sogar schon, vielleicht zögerst bzw. wartest du noch, vielleicht gehst du ihn nicht. Vielleicht kehrst du um, vielleicht verlierst du für eine gewisse Zeit die Orientierung.

Sich der Depression stellen: Schwerer Ballast
Schwerer Ballast

Sich die eigene Verletzlichkeit wieder erlauben - Eine gute Idee?

Sich der Depression zu stellen und Gefühle und Emotionen (d. h. nichtgefühlte Gefühle) wieder zuzulassen, bedeutet aus meiner Sicht auch, sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen. Und wenn du mit Verletzlichkeit etwas wie „Schwäche“, „Minderwertigkeit“ oder „Mimose“ verbindest (Willkommen im Club), ist es aus meiner Sicht nur zu verständlich, dass du großen inneren Widerstand gegen das Zulassen deiner Gefühle spürst. Wenn du zudem von Kindheit an immer und immer wieder verletzt wurdest, ist es in meinen Augen auch nur logisch, dass du dicke Mauern und Stacheldraht um dein Herz gezogen hast. Noch gravierender wird das Ganze, wenn nie eine konstante Vertrauensperson da war, auf die du dich verlassen konntest. Natürlich bist du da sehr vorsichtig. Du schützt dich.

 

Und so ist es in meinen Augen nur zu verständlich, wenn du zum Beispiel Angst davor hast, mit anderen Menschen in Kontakt und Austausch zu treten, „Nein“ zu sagen, dich der Selbstliebe zu öffnen und und und. Woher sollst du wissen, dass nicht doch nur wieder Enttäuschung, Vertrauensbruch, großer Schmerz auf dich warten? Wie oft hast du dennoch vertraut (trotz Mauer und Stacheldraht), dich überwunden und wurdest doch nur wieder verletzt? Wie alt warst du zu diesen Zeitpunkten? Und was hast du daraus gelernt? - Die Schutzmauer und den Stacheldraht noch um tiefe Gräben und bewaffnete Soldaten zu erweitern. Alles zu deinem eigenen Schutz. Was sollst du auch sonst tun?

Sich der Depression stellen: Gebrochenes Herz
Eine von mir gemalte Skizze

Vielleicht bist du allerdings innerlich noch weiter weg. Schutzmauer und Stacheldraht siehst du längst nicht mehr. Du hast dich in einen sehr hohen Turm ohne Eingang, in eine dunkle Höhle (mit großem Felsbrocken davor) oder einen tiefen Brunnen zurückgezogen. Dort wo du bist – Siehst du das Licht noch?

Die tiefe Angst vor erneuter Verletzung und Enttäuschung

Und deshalb palavere ich nicht leichtsinnig herum, weshalb es so „toll“ und angeblich „einfach“ sein kann, aus der Depression, Sucht, Angststörung, Persönlichkeitsstörung, PTBS, Essstörung, Suizidalität, Zwangsstörung usw. herauszukommen. Wie oft wurdest du geködert? Wie oft hast du gedacht: „Vielleicht wird ja doch alles wieder gut.“ oder „Vielleicht hört es jetzt auf.“ – Und dann? Wurde gar nichts gut, nichts hörte auf. Und so hast du dich innerlich noch weiter zurückgezogen.

 

Ich kann es deshalb auch gut nachvollziehen, wenn du Ablenkung, Entspannung und Hilfe in Drogen, Alkohol, Zigaretten, im Essen (oder Nichtessen), Medikamenten, im Sport, beim Zocken, beim Sex, in der Pornographie, beim Ritzen, Hautaufdrücken, Haareausreißen o. ä. suchst. Und ja, auch in Suizidversuchen.

Sich der Depression stellen: Innere Verwundung
Innere Verwundung (von mir gemalt)

Nur Du entscheidest

Einzig und allein DU entscheidest, ob, wann und in welchem Umfang du die Schutzmauern und den Schutzstacheldraht zurücknimmst. Ob du aus dem Turm, der Höhle, dem Brunnen kommen möchtest oder nicht. Das entscheidet nicht dein Therapeut, dein Psychiater, dein Coach, kein Motivationstrainer, kein Buch, keine Meditation, kein Kursleiter, kein Partner, kein Freund, keine Eltern, ich erst recht nicht. Einzig und allein DU entscheidest das. Und wenn du erstmal an deinem sicheren Ort bleiben möchtest: Dann ist das so. Dann hast du eine für dich stimmige und passende Entscheidung getroffen. Auch damit achtest du in meinen Augen gut auf dich.

 

Weshalb es sich aus meiner Sicht dennoch lohnen kann, den beschwerlichen Weg zur Heilung der Depression auf sich zu nehmen, darüber schreibe ich hier. Es gruselt mich einfach bei der Vorstellung, dir einen Text à la „20 Gründe, weshalb du deine Depression unbedingt heilen solltest“ zu präsentieren. Mir persönlich ist das zu oberflächlich und unsensibel. Das hat für mich den Beigeschmack von „Ist doch ganz einfach.“ Aber das ist es aus meiner Sicht definitiv nicht. Wir reden hier schließlich nicht vom Brötchenbacken. Ein Rezept kann man korrigieren bzw. es nochmal versuchen. Leichtsinnigkeit kann während der Aufarbeitung aber das eigene Leben kosten. Die vielen Hilfsangebote unten in der Fußzeile stehen da nicht ohne Grund.

Sich der Depression stellen: Ich im Kinderwagen
Mitunter liegen die Ursachen der Depression in der frühesten Kindheit.

Vorsicht vor vermeintlich einfachen Methoden etc.

Impulse wie "Raus aus der Depression!", "Wie du Depressionen heilst", "Heile deine Mutterwunde", "Traumaheilung muss nicht schwer sein", "Heile deine Wunden mit dieser Methode", "Wie du die EINE Verletzung in dir findest und heilst" usw. in Form von Artikeln, Videos, Podcasts etc. zeugen für mich von genau dieser erwähnten Leichtsinnigkeit, Sorglosigkeit und damit letztlich Verantwortungslosigkeit. Nach meiner Interpretation wird da mit dem Kummer und dem Hilfebedürfnis von Betroffenen gespielt. Diese vermeintliche Sorglosigkeit macht mich sehr wütend. Denn nochmal: Es kann während der Aufarbeitung um ALLES gehen. Das ist kein Spaß mehr.

 

Besonders beim sensiblen Thema "Inneres Kind" finde ich es wichtig, auf die möglichen Gefahren wie Retraumatisierung und Psychosen hinzuweisen. Wenn ich aber Inhalte lese wie "Für mich war die Arbeit mit dem inneren Kind zutiefst transformierend und deshalb empfehle ich dir, dich auch mit deinem inneren Kind auseinanderzusetzen" (passenderweise gibt es dann gleich noch Workshopangebote, E-Mail-Kurse, Meditationen o. ä. dazu) und gleichzeitig keine möglichen Gefahren und keine Hilfsangebote angegeben werden, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Was soll das, so zu tun, als wären diese Themen leichte Kost? Unternehmertum, Reichweiten, Followerzahlen hin oder her - nochmal: Es kann hier um Menschenleben gehen! Als ich im Mai 2019 während eines Mantrasingkreises zum ersten Mal völlig unvorbereitet die kleine Kirsten innerlich vor mir sah, wäre ich daran fast zerbrochen. Nur dank einer bestimmten Erfahrung während meines ersten Tantrakurses von Februar-April 2019 konnte ich die großen, tränengefüllten, vorwurfsvollen Augen der kleinen Kirsten aushalten. Ich hatte großes Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich nicht zurück in die Klinik musste.

Sich der Depression stellen: Vorsicht vor angeblich einfachen Aufarbeitungsmethoden

Und ich gehe noch einen Schritt weiter und sage: Wer solche leichtsinnigen Impulse in die Welt gibt, hat keine Ahnung davon, wie es ist und sich anfühlt, ums eigene Leben zu kämpfen. Wieder und wieder. Dem Tod gegenüberzustehen. Wieder und wieder. Denn wer das weiß, schreibt sowas Leichtsinniges nicht.

 

Wenn ausgerechnet die Gedanken "Ich muss nicht leben" und "Ich muss dieses Leben nicht führen" zum Rettungsanker werden, weil einem bewusst wird, dass man eine Wahl hat. Und ich weiß, wie es ist, knapp an Retraumatisierungen beispielsweise durch verschiedene Meditationen (vor allem zum erwähnten inneren Kind) vorbeizurauschen. Das Schreiben rettete mich mehrfach, die Texte von 2018 und 2019 habe ich noch. Sie sind dunkel, voller Panik und Verzweiflung. Ich schrieb so lange, bis die bedrohlichen Empfindungen endlich nachließen. Dass mich dieses Vorgehen rettete, sollte ich aber erst später herausfinden. Als ich das zum ersten Mal durchmachte, war an diesem Abend gottseidank mein Laptop an. Wäre er ausgeschaltet gewesen.....

Sich der Depression stellen: Tagebuchauszug
Tagebuchauszug: Während der Aufarbeitung kann es knallhart zur Sache gehen. Darauf sollte unbedingt hingewiesen werden!

Und ich weiß, wie die Grenze zum Wahn aussieht. Wenn man den Weg ins Jetzt nicht mehr zurückfindet, weil man der Panik von damals nichts entgegensetzen kann. Und diese inneren Bilder musste ich dann bis zum nächsten Termin mit meiner Therapeutin irgendwie mit mir herumtragen (siehe Tagebuchauszüge vom 30.11.18 und 04.12.2018; die Unschärfe der Bilder kommt durch die starke Verkleinerung der Bilder - damit wird die Ladezeit der Seite verkürzt). Natürlich warf ich diese inneren Bilder und Filme in den "inneren Tresor" (Luise Reddemann). Dennoch war es unsagbar anstrengend und erforderte immer wieder aufs Neue viel Willensstärke, gegen diese aufdringlichen Gedanken und Bilder anzukämpfen. Fiel dann der ersehnte Termin kurzfristig aus... war das einfach scheiße. Dann hatte ich ein Problem. Ein echtes Problem.

Was ich damit sagen will: Der Weg zu den Ursachen der Depression und möglicher weiterer Begleiterkrankungen ist schlichtweg zu gefährlich, als dass man Heiterkeit, Sorglosigkeit, "einfache Methoden und Wege" vorgaukeln könnte. Auch hierzu nochmal Alice Miller und damit möchte ich dir fürs Lesen danken: "Wenn aber später beim Erwachsenen in der Analyse die damaligen Gefühle der Verlassenheit auftauchen, dann kommen sie mit einer solchen Intensität an Schmerz und Verzweiflung, daß es uns völlig klar wird: diese Menschen hätten ihre Schmerzen nicht überlebt." (Miller, 1983, S. 28).

 

Bis bald wieder und pass auf dich auf

 

Herzensgruß

Kirsten

 

Quelle:

Miller, A. (1983): Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Suhrkamp.

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