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Gescheiterte Selbstliebe? 3 mögliche Ursachen

Da hast du dich endlich durchringen können und dir nach langem Überlegen die neue Handtasche oder das schöne Paar Schuhe gekauft. Doch nun sind Handtasche und/oder Schuhe bei dir zu Hause und du benutzt sie nicht. Vielleicht spielst du sogar schon mit dem Gedanken, sie zurückzubringen oder zu verschenken?

 

Oder du hast nach viel gutem, eigenem Zureden endlich ein Kleid oder ähnliches angezogen, das schon so lange im Schrank hängt. Dein Hochzeitskleid? Ein Abendkleid? Und nun stehst du vorm Spiegel und du erträgst deinen Anblick nicht.

 

Ein Arbeitskollege macht dir ein Kompliment und du hast eventuell schon oft gehört, dass das Annehmen von Komplimenten zur Selbstliebe gehört? Aber es will einfach nicht klappen, du kannst es nicht annehmen. Denn sofort ist die wohlbekannte Schutzmauer da und du blockst das Kompliment ab („Ach was, das kann jeder.“, „Was will der denn jetzt?“, „Ist doch nicht der Rede wert.“).

 

Kennst du diese oder ähnliche Situationen? Warum klappt das mit der Selbstliebe bei mir nicht? Wieso fühlt sich das so unangenehm, vielleicht sogar unerträglich an? Was mache ich falsch?

Gescheiterte Selbstliebe 3 mögliche Ursachen

Du machst nichts falsch

Ich kenne diese Situationen und quälenden Fragen sehr gut. Sie haben mich monatelang begleitet. Im Artikel über meine Veränderungen durch die überwundene Depression siehst du ein Bild mit einem großen Blumenstrauß. Ich hatte ihn mir selbst Anfang Juni 2019 geschenkt. Ein großer, bunter Blumenstrauß im Wert von 50 €. Ich war damals zunächst völlig begeistert von der Idee und war stolz, sie auch tatsächlich umzusetzen. Doch als der Blumenstrauß dann auf meinem Tisch stand, wäre ich fast an den vielen aufsteigenden Empfindungen in mir gescheitert. Denn ich ertrug seinen Anblick kaum. Sowas Schönes sollte für mich sein? Und wenn er verblüht? Dann ist doch die ganze Freude weg.

Gescheiterte Selbstliebe Blumenstrauß

Mein Tagebuchauszug

Und während ich das schreibe, spüre ich den dicken Kloß im Hals von damals wieder. Hier ist mein Tagebuchauszug dazu:

 

11.06.19 (Di)

 

(…) Mir fällt gerade noch etwas ein, was S. gestern sagte und mir gut tat. Denn als ich mir doch am Freitag den tollen Blumenstrauß kaufte, spürte ich (wie bei vielen tollen, aber vergänglichen Dingen) eine starke Traurigkeit und Schwermut. Ich konnte mich kaum daran erfreuen, weil ich schon ans Verblühen dachte. Und vorhin musste ich den Strauß auseinandernehmen, um erste verblühte Blumen herauszunehmen.

 

Gestern sagte da S., dass Frauen, die einen niedrigen Selbstwert haben (so ähnlich drückte sie sich aus) und sich kaum oder nichts Schönes gönnen, erst lernen müssen, mit schönen Dingen (egal ob Blumen, Komplimente, Zeit mit jemandem usw.) umzugehen. Also so, dass man sich wirklich einfach an ihnen erfreut und sie auch gehen lassen kann. Zu tief sitzen Ängste, Enttäuschung, Selbstzweifel.

 

Ich weiß auch nicht, aber als ich am Freitag den schönen Strauß sah, wurde ich sofort traurig, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, wenn er verblüht und nicht mehr da ist, ist auch die Freude weg. Und das weitete sich sofort auf mein ganzes Leben aus. Ist der Strauß und damit die Freude und die tiefe Dankbarkeit mir gegenüber weg, geht es mir schlecht."

Gescheiterte Selbstliebe Tagebuchauszug

Die paradoxe und gute Nachricht

Also bloß weg mit ihm, oder? Ja, damals war ich drauf und dran, ihn wegzuwerfen. Denn die vielen abwertenden Gedanken und diffusen, beklemmenden Empfindungen waren zunächst übermächtig.

 

Doch die scheinbar paradoxe und gute Nachricht daran ist: Diese unangenehmen Gedanken und Empfindungen weisen dich aus meiner Sicht darauf hin, dass du auf dem richtigen Weg bist. Ja, das meine ich wirklich ernst. Um mich durch das Dickicht aus wiederkehrenden Schuldempfindungen, verinnerlichten Stimmen und Ansichten, Ängsten und ständiger Selbstsabotage zu kämpfen, half mir unter anderem nachfolgendes Wissen aus der Psychologie und der Hirnforschung. Falls du also mit dir kämpfst und sich die Selbstliebe für dich momentan so gar nicht gut anfühlt, möchte ich dich von Herzen ermuntern, nicht aufzugeben und dranzubleiben.

Gescheiterte Selbstliebe Die gute Nachricht

Mögliche Gründe, weshalb sich die Selbstliebe nicht gut anfühlt

1. Introjekte bzw. verinnerlichte Meinungen anderer Personen

Ich greife nochmal die Eingangsbeispiele auf. Wenn du in dem schönen Kleid oder etwas Neugekauftem vor dem Spiegel stehst oder wenn du die neuen Schuhe ansiehst und du einfach nur das Gefühl hast, das alles nicht verdient zu haben – Hörst du dann innerlich möglicherweise diffuse oder sogar klare, dir bekannte Stimmen? Melden sich unangenehme Kindheitserinnerungen wieder? „Du musst es ja haben.“, „Dir geht’s wohl zu gut.“, „In dem Kleid siehst du aus wie ‘ne Presswurst.“, „Du denkst nur an dich.“ Kennst du solche oder ähnliche Sätze? Solche Worte (und abwertende Blicke etc.) tun extrem weh. Erst recht, wenn sie ein Kind treffen. Kinder sind diesen Meinungen bzw. Attacken schutzlos ausgeliefert. Tief verinnerlicht, können uns diese schmerzvollen Worte, sogenannte Introjekte, unter Umständen ein Leben lang begleiten und behindern (vgl. Miller, Seite 31, 1983 und Wirtz, Seite 907, 2021).

Gescheiterte Selbstliebe Ursache 1 Introjekte

2. Selbstabwertung als Schutzmechanismus

Es ist in meinen Augen schlimm genug, dass ein Kind, welches über längere Zeit diesen Übergriffen und abwertenden Ansichten etc. ausgesetzt ist, irgendwann diese Meinungen verinnerlicht und ihnen glaubt. Doch dieses Kind wird gar nicht anders können, als sich auf irgendeine Weise seinem Umfeld anzupassen (vgl. Miller, Seite 23, 1983), z. B. in Form von Selbstabwertung: „Je kleiner und unauffälliger ich mich mache, desto weniger Unheil passiert mir.“ Zu diesem Unheil zählen für mich auch beständiges Schimpfen, drohende Blicke, geäußerte Drohungen und Liebesentzug („Da hat dich die Mama/der Papa nicht mehr lieb“).

 

Für ein Kind kann das eigene Kleinmachen die einzige Überlebensstrategie sein. Die Selbstabwertung wird zum Schutzmechanismus und Dauerbegleiter.

 

Sich im Erwachsenenalter nun „einfach so“ an erste Stelle setzen? Sich selbst lieben? Sich etwas Gutes tun? Sollte doch leicht sein, oder? Was eigentlich etwas Wundervolles ist, kann zur unüberwindbaren Hürde werden. Sichtbar werden? Sich gut fühlen und das zeigen? Aber das hat doch früher nur zu Schlägen, Gebrüll, Ignoranz, Erniedrigung, Schimpfen, Strafen, Liebesentzug geführt! Bloß nicht! Und so wird der frühere, so starke Schutzmechanismus sehr schnell aktiv und die Selbstliebe kann sich einfach nur schrecklich anfühlen. Dazu ein Gedanke der Psychologin Alice Miller: „Als ob nicht in der Kindheit die Wurzeln des ganzen Lebens verborgen wären.“ (Miller, Seite 18, 1983).

Gescheiterte Selbstliebe Ursache 2 schützende Selbstabwertung

3. Neue neuronale Verbindungen im Gehirn brauchen Zeit

Wenn du dich dafür entscheidest, an deiner Selbstliebe zu arbeiten, lässt du dich auf einen Lernprozess ein. Ich finde es persönlich wichtig, sich das auch genau so bewusst zu machen. Denn es braucht schlichtweg Zeit, bis sich neue neuronale Verbindungen im Gehirn bilden (vgl. Janssen, 2017). Mit der Zeit lassen die selbstabwertenden Gedanken nach und es fühlt sich immer besser an, wenn du dir etwas Gutes tust. Geduld und Dranbleiben sind deshalb aus meiner Sicht wichtig. Glücklicherweise kann sich unser Gehirn immer wieder anpassen (vgl. Jäncke/Peper, Seite 1400, 2021) und so ist es in meinen Augen nie zu spät, mit der Selbstliebe zu beginnen.

Gescheiterte Selbstliebe Ursache 3 Lernprozesse brauchen Zeit

Verinnerlichte Stimmen, frühere und noch aktive Schutzmechanismen, abwertende Gedanken, Ungeduld - So schön und lohnenswert wie die Auseinandersetzung mit der Selbstliebe ist, so knallhart und herausfordernd kann die Arbeit sein. Sei sanft und geduldig zu dir.

 

Schritt für Schritt.

 

Von Herzen

Deine Kirsten

 

Quellen:

Introjektion. In: Wirtz, M. A. (Hrsg.) (2021): Dorsch - Lexikon der Psychologie. 20. Aufl. Hogrefe.

 

Jäncke, L. & Peper, M. (2021): Plastizität. In: Wirtz, M. A. (Hrsg.): Dorsch - Lexikon der Psychologie. 20. Aufl. Hogrefe.

 

Janssen, C. (2017): Neuroplastizität – Das Gehirn lernt immer. URL: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0043-100270 (abgerufen am 16.10.2021)

 

Miller, A. (1983): Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Suhrkamp.