Selbstliebe lernen - "Ja" zu dir selbst

Das Thema „Selbstliebe lernen“ fand mich zum ersten Mal in der psychiatrischen Klinik. Mir selbst etwas Gutes tun? Einfach so? Mich wertschätzen und akzeptieren, so wie ich bin? Für mich selbst einstehen? Notfalls gegen Widerstand? Gefühlt waren diese Gedanken für mich eine Fremdsprache. Sie „dockten“ nirgends so richtig in mir an. Und wenn ich seit meiner Entlassung aus der Klinik vor einem Thema immer und immer wieder stand, dann war es dieses: Wie lerne ich, mich selbst zu lieben?

 

Und so berührt es mich, dass du nun diesen Artikel liest. Denn jemand, der sich gesund selbst liebt, wird diesen Text wahrscheinlich nicht unbedingt aufrufen ;-). Doch eine Person, der an dieser Stelle der Nährboden zur Selbstliebe fehlt, wird sich da eher auf den Weg machen... Und ich bewundere schon jetzt aufrichtig deinen Mut, tiefer in dich selbst hineinzusehen. Bitte beachte auch hier den Hinweis zur Eigenverantwortung am Ende der Seite.


Selbstliebe lernen Inhaltsverzeichnis

1. Was wünschst du dir bezüglich deiner Selbstliebe?

Selbstliebe lernen Du bist schön
  • Deinen Körper anzunehmen, so wie er ist?
  • Das Vergleichen mit anderen Menschen aufzugeben?
  • Die Selbstsabotage und eigene Abwertung zu beenden?
  • Für dich selbst einzustehen, ohne Angst vor der Bewertung deines Umfelds?
  • Selbstbewusst und authentisch „Ja“ und „Nein“ zu sagen?

Wie fühlen sich die Fragen für dich an? Hast du weitere Wünsche?

 

Vielleicht tauchen noch weitere Fragen auf:

  • Warum soll ich mich eigentlich selbst lieben?
  • Was habe ich davon?

Oder die Frage könnte lauten:

  • Was habe ich eigentlich davon, mich selbst (unbewusst oder bewusst) zu hassen und selbst kleinzumachen?

Es gibt so viele unterschiedliche (Online-)Ratgeber, Blogs, Videos, Podcasts etc. auf verschiedensten Plattformen zum großen Thema Selbstliebe, was mich sehr freut. Denn ich denke, dass der so wichtigen Selbstliebe auf diese Weise zunehmend mehr Aufmerksamkeit zukommt. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten ;-). Mir persönlich zeigt die steigende Bedeutung des Themas Selbstliebe, dass da kollektiv auch etwas im Argen liegt.

 

Aus meiner Sicht ist es für eine nachhaltige Entwicklung der Selbstliebe unerlässlich, sich auch mit den Schattenseiten der Selbstliebe auseinanderzusetzen:

  • Warum möchte ich lernen, mich selbst zu lieben?
  • Warum bewerte ich mich immer wieder selbst?
  • Warum finde ich mich hässlich?
  • Warum bin ich überzeugt, nicht liebenswürdig zu sein?
  • Warum glaube ich, nie zu genügen?

Deshalb möchte ich dich im Folgenden auf einen etwas anderen Weg einladen. Ich möchte dir nicht einfach nur Tipps geben, wie du lernen kannst, dich selbst zu lieben. Falls du meine Artikel zur Heilung meiner Depression und zum Skin Picking gelesen hast, wirst du bestimmt schon ahnen, dass ich dich sowieso ermuntere, nach FÜR DICH stimmigen Wegen zu suchen :-).

 

Nein, ich möchte mit dir hinter den Selbstliebe-Vorhang schauen. Ich zeige dir, wie sich mein Selbsthass äußerte und wie ich ihn überwand. Damit möchte ich dir zeigen, dass du keineswegs „komisch“ oder „falsch“ bist, wenn dich der Selbsthass ebenfalls quält.

 

Lass uns den Vorhang heben…

2. Selbsthass, Selbstkritik und Selbstsabotage als mögliche Schutzfunktion

Aus meiner Sicht gehört viel Mut und innere Stärke dazu, sich den eigenen Selbsthass einzugestehen. Damit geht wohl kaum jemand gern hausieren. Aus meiner Sicht ist dieses Eingeständnis allerdings ein wichtiger Schritt, um Verständnis für sich selbst zu entwickeln und die eigene Selbstabwertung allmählich zu überwinden:

  • „Ja, ich fühle mich hässlich.“
  • „Ja, ich fühle mich einsam.“
  • „Ja, ich glaube, nicht liebenswert zu sein.“
  • „Ja, ich bin einfach nie gut genug.“
  • „Ja, ich glaube, ein gutes Leben nicht verdient zu haben.“
  • „Ja, ich bin überzeugt, abstoßend zu sein.“

Nein, dieses Eingeständnis ist alles andere als angenehm. Und es berührt mich immer wieder aufs Neue, wenn mir Menschen mit diesen tief verinnerlichten Überzeugungen begegnen. Wo kommen solche Gedanken her? Was hat dazu geführt, dass dieser Mensch so negativ über sich selbst denkt?

 

Wer hat sowas zu dir gesagt? Wer hat dich blamiert, bloßgestellt, beschimpft, abgewertet, erniedrigt, ausgelacht, verspottet? Wer hat zu dir gesagt, dass du „dumm“, „faul“, „unfähig“, „hässlich“, „laut“, „schwach“, „komisch“, „ungewollt“, „dick“, „fett“, „dünn“, „schlampig“ bist? Wurdest du möglicherweise dann sogar noch geschlagen, (tage-, wochen-, monatelang) ignoriert, eingesperrt oder etwas dergleichen? Wurde dir geholfen oder warst du dieser Abwertung (möglicherweise über lange Zeit) ganz allein ausgeliefert? Wurdest du mit jemandem verglichen und hattest so immer das Gefühl, nie „gut genug“ zu sein? Oder waren all deine Bemühungen und Erfolge nie wirklich ausreichend? Wurden sie überhaupt beachtet oder wie selbstverständlich vorausgesetzt?

 

Je tiefer ich mich mit meinem eigenen Selbsthass auseinandersetzte, desto stärker kristallisierten sich zwei Erkenntnisse für mich heraus:

  1. Ich begriff, wie stark und tief ich diverse, fremde Äußerungen und Verhaltensweisen verinnerlicht hatte (das war sehr schmerzhaft).
  2. Ich erkannte, dass meine eigene Selbstabwertung ein gewisser Schutzmechanismus war.

Das bedeutet: Je kleiner ich mich machte, desto unauffälliger wurde ich. Ich machte mich weniger angreifbar. Je weniger ich von „der Norm“ abwich, desto weniger Unheil würde mir passieren. Auch wenn diese (unbewussten) Anpassungen aus Kindertagen für mich als erwachsene Frau sehr hinderlich waren, gab es Zeiten, in denen ich die eigene (unbewusste) Abwertung schlichtweg brauchte.

 

Wie war das bei dir? Musstest du dich kleinmachen, um körperliche und seelische Verletzungen zu verhindern oder zu reduzieren? Musstest du dich anpassen, um dazuzugehören? Musstest du so unauffällig wie möglich sein, um keinen Unmut auf dich zu ziehen?

 

Falls deine Antwort „Ja“ lautet: Es tut mir aufrichtig leid, dass dir das passiert ist und was diese Erfahrungen möglicherweise in dir angerichtet haben. Wenn du magst, fühle dich virtuell umarmt. Atme gern auch erstmal tief durch, bevor wir unseren Weg fortsetzen. Wenn du dich bereit fühlst, gehen wir weiter…

3. Der Selbstabwertung auf der Spur

Du weißt nun, dass ich meinen eigenen, früheren Selbsthass auch als Schutzmechanismus sehe. Erst diese verständnisvolle Annahme meiner selbstabwertenden Gedanken löste die nachhaltige Entwicklung meiner Selbstliebe aus. Doch wie bin ich darauf gekommen?

Konfrontation mit mir selbst

Selbstliebe lernen Konfrontation mit mir selbst

Hier ist ein Auszug aus meinem Tagebuch:

 

07.12.2019

 

(…) Jedenfalls entschied ich nach der kleinen Meditation mir eine Pizza und eine Flasche Wein zu kaufen und dann endlich den Körperumriss von mir zu malen, was mir schon lange als Idee durch den Kopf geistert. Bisher dachte ich dann aber immer, ich brauche dazu ja jemanden ;-). Ich legte mich auf eine lange Papierbahn, malte meinen Körperumriss nach und schrieb in großer schwarzer oder roter Schrift die bewertenden Sätze auf, die ich seit meiner Kindheit über mein Gewicht, meine Figur und meine Haut höre. Überraschend war für mich, dass ich später, als ich meine eigenen Gedanken noch hinzufügte, auch noch bewertende Sätze über meine Brüste dazuschrieb. (…) Es ist genau so, wie es Wardetzki [Anmerkung: Gemeint ist das Buch „Weiblicher Narzissmus“ von Bärbel Wardetzki] schreibt. Ich setze Schönheit mit Bewunderung und diese wiederum mit Liebe gleich.

 

(An dieser Stelle muss ich mich für die Bildqualität meines Körperumrisses entschuldigen. Doch als ich ihn Anfang Dezember 2019 anfertigte, hatte ich nicht ansatzweise daran gedacht, den Umriss jemals zu veröffentlichen.)

 

Diese lebensgroße Papierbahn hing anschließend mehrere Tage in meinem Wohnzimmer. Ich war schockiert und erleichtert zugleich. Wenn auch unbewusst, so war ich der Überzeugung, dass optisch attraktive Menschen bewundert und geliebt werden. Ich hielt sie für unangreifbar.

 

So begann ich schon in meiner Jugend alles an mir abzulehnen, was nicht dem „Schönheitsideal“ entsprach. Ich hasste meine von mir stets als „zu klein“ empfundenen Brüste, meine Figur („zu dünn“), meine Haut („widerlich“) abgrundtief. Tiefer Neid und Missgunst auf andere Mädchen und später Frauen keimten so ebenfalls früh in mir. Doch da meine Selbstabwertung ja auch ein Schutz für mich war, war ich in mir selbst gefangen.

 

All diese Erkenntnisse und verstandenen Zusammenhänge im Dezember 2019 waren für mich zwar sehr bitter und schmerzhaft. Dennoch ermöglichten sie mir erstmals eine verständnisvolle Auseinandersetzung mit meinem Körper, meinen „Problemzonen“ und meinen selbstabwertenden Gedanken. Wie es der „Zufall“ wollte, entdeckte ich beim Recherchieren zur Selbstliebe das amerikanische Fotoprojekt „The Nu Project“. Vielleicht kennst du es auch. Darauf gehe ich näher ein, da es eine Art Revolution in mir auslöste.

"The Nu Project"

Selbstliebe lernen The Nu Project

Die Fotos von Matt Blum und Katy Kessler möchte ich dir wärmstens ans Herz legen (auch als männlicher Leser). Die Beiden fotografierten echte, natürliche, nackte Frauen in ihrem gewohnten Umfeld auf (wie ich finde) sensible und einfühlsame Weise. Kein Make-Up, kein Fotoshop.

 

Je mehr Fotos ich mir damals ansah, desto klarer wurde mir: Wer hat eigentlich das Recht, darüber zu entscheiden, was „schön“ ist und was nicht???

 

So wurde mir bewusst: JEDER Mensch ist individuell schön. Vergleiche und „Schönheitsideale“ sind aus meiner Sicht völliger Quatsch. Nun sind das natürlich keine neuen Gedanken. Aber damals stand diese Erkenntnis innerlich so klar vor mir, dass ich schlagartig Frieden mit meinem Körper schloss. Die Bilder waren für mich zutiefst heilsam.

 

Übrigens löste die Akzeptanz und Wertschätzung meines Körpers auch eine Art sexuelle Revolution in mir aus. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich völlig abhängig von Männern. Ich überließ ihnen das Feld, was katastrophale Konsequenzen hatte (die ich mir schönredete). Ich war abhängig von ihren Komplimenten, da ich mir diese selbst nicht geben konnte. Ich tat alles, um ihnen zu gefallen. Und wen überging ich dabei immer und immer wieder? Mich selbst.

 

Doch durch die bewusste Akzeptanz und beginnende Wertschätzung meines Körpers wurde ich allmählich auch mutiger beim Entdecken meiner eigenen Sexualität (was anfangs dennoch viel Überwindung kostete). Teure Dessous, regelmäßige Totalrasur, brennende Cremes? Gehört für mich alles der Vergangenheit an :-).

4. Selbstliebe lernen - "Ich zuerst"

Stell dir vor, du sagst innerlich zu dir:

  • „Ich bin die Liebe meines Lebens.“
  • „Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben.“
  • „Ich zuerst.“

Was fühlst du dabei? Was geht in dir vor? Fühlen sich diese Gedanken stimmig für dich an? Oder spürst du (starken) Widerstand?

 

Sowohl den inneren Widerstand, als auch die gefühlte Übereinstimmung kann ich gut nachvollziehen. Solche Sätze stempelte ich als „egoistisch“ und „narzisstisch“ ab. Diese Bewertungen stammen jedoch aus einer Zeit, in der ich weder meinen Körper, noch meine Wünsche und Bedürfnisse kannte und spürte. Vielleicht hast auch du (von klein auf) die Überzeugung übernommen, hauptsächlich für andere da zu sein.

 

Bitte verstehe mich nicht falsch – ich finde es toll, dass du anderen etwas Gutes tun möchtest. Auch mir ist das nach wie vor wichtig. Doch wenn du dich dabei völlig verausgabst, über deine Kräfte gehst und das für ganz normal hältst, ist da aus meiner Sicht etwas im Ungleichgewicht.

An dieser Stelle möchte ich meine kostenlosen „Liebesmemos“ mit dir teilen. Diese hatte ich für ein Selbstliebe-Ritual für mich selbst erstellt. Drei der kurzen Selbstliebegedanken in den grünen Kreisen findest du hier auch auf der Seite.

Download
Liebesmemos
Die 30 kurzen und liebevollen Memos können dir eine Unterstützung bei der Entwicklung und Festigung deiner Selbstliebe sein. Du kannst sie beispielsweise ausschneiden und an einer für dich gut sichtbaren Stelle befestigen. Wenn dein Blick auf die Liebesmemo fällt, verinnerliche den Gedanken. Wie fühlen sich die Worte für dich an?
Liebesmemos.pdf
Adobe Acrobat Dokument 226.8 KB

Doch diese 30 kurzen Sätze rund um die Selbstliebe entwickelten sich für mich in der Folgezeit zu wichtigen Erinnerungen und „Widerstands-Aufspürern“.

 

Einer meiner größten Trigger war „Ich zuerst.“ :-). Ich verstehe darunter nicht, dass ich der wichtigste, größte, beste Mensch im Universum bin. Für mich ist diese Liebesmemo immer wieder eine Erinnerung, regelmäßig nach innen zu schauen. So frage ich mich beispielsweise in Begegnungen: „Wie ist mein Energielevel gerade?“, „Habe ich eigentlich gerade Hunger/Durst?“, „Möchte ich das Gespräch gerade? Habe ich die Kraft dazu?“, „Was ist mir wichtig?“ Denn ich verliere mich nur allzu leicht in meinem Gegenüber und blende meine eigenen Bedürfnisse aus. So ist diese Liebesmemo mittlerweile so wichtig für mich, dass ich sie für unbestimmte Zeit als tägliche Handyerinnerung abgespeichert habe.

5. Tipps und Links

Selbstliebe lernen Tipps und Links

Zum Abschluss unserer kleinen Reise möchte ich noch einige Webseiten und Ideen mit dir teilen, die mir persönlich besonders gut geholfen haben. Doch unabhängig davon ermuntere ich dich auch hier, nach FÜR DICH stimmigen Wegen zu suchen.

 

Selbstliebe-Rituale

Aktuell ist die Seite von Claudia Bäumer leider nicht aufrufbar (Stand 28.12.2020). Bei ihr hatte ich schöne Selbstliebe-Rituale entdeckt und nahezu alle ausprobiert. Besonders toll fand ich das monatliche „Rendezvous mit mir selbst“. So war ich mit mir selbst zum Date auf dem Weihnachtsmarkt verabredet (mit Händchen halten! :-)), hatte ein Picknick in meinem Wohnzimmer, ging spazieren, war Eis essen, sang für mich usw. Auch Liebesbriefe schrieb ich mir selbst.

 

„Selbstliebe: Wie du lernst, dich selbst zu lieben“ von Moritz Bauer

Seine Seite gefällt mir vor allem wegen der einfachen Übungen und seiner Unterscheidung von Selbstliebe und blindem Egoismus. Ich habe lange und mehrere Anläufe gebraucht, um mir die Selbstliebe überhaupt zu erlauben. Seine deutlichen Worte haben mir da geholfen.

 

Webseite „Entdecke die Kraft deiner eigenen Sexualität“ von Ute Benecke

Auf ihrer Webseite fand und finde ich viele Anregungen, um zunehmend selbstbewusster und offener beim Entdecken und Zulassen meiner eigenen Sexualität zu werden. Auch ihre geschützte Facebook-Gruppe kann ich dir empfehlen. Ihre täglichen kurzen Posts regen mich bis heute immer wieder zum Nachdenken und ggf. zum Verändern an.

 

Buch "Dem Leben wiedergegeben" von Sonja Wierk

Gänsehaut pur. Was liebevolle und behutsame Körperannahme ermöglichen kann, beschreibt Sonja Wierk in diesem tief berührenden Buch. Sonja, welche 2016 verstorben ist, litt viele Jahre an den Folgen der Multiplen Sklerose und war gelähmt. Doch sie gab nicht auf und schaffte es tatsächlich, sich aus der Lähmung zu befreien. Ich fühle großen Respekt und Demut gegenüber dieser Frau.

 

Ich danke dir, dass du dich auf den Weg eingelassen hast. Ich wünsche dir viel Freude beim kreativen Ausprobieren all der Möglichkeiten, die das große Thema Selbstliebe bietet. Und ich fühle mit dir, wenn du dich deiner möglichen Selbstabwertung stellst.

 

Herzensgrüße

 

Deine Kirsten