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7 Gründe, warum das Fühlen wichtig ist

Warum das Fühlen wichtig ist Gefühle

Was empfindest du, wenn dir das Thema „Gefühle“ begegnet? Stehst du mit deinen Gefühlen in Kontakt? Kannst du Gefühle wie Angst, Trauer, Wut, Hass, Freude, Verzweiflung etc. in dir zulassen und sie mit deinen Bedürfnissen verbinden? Was hältst du von der Trennung „positive“ und „negative“ Gefühle? Macht dir das Thema vielleicht Angst? Kannst du mit Gefühlen etwas anfangen oder ist das in deinen Augen möglicherweise ein „Frauenthema“? Durftest du als Kind und Jugendliche/r deine Gefühle zulassen?

 

In meinem Artikel zur Heilung meiner Depression erzähle ich dir, was ich unter Depression verstehe: Verdrängte Gefühle. Wenn ich mich zurückerinnere, konnte ich bis zu meinem Klinikaufenthalt nichts mit Gefühlen anfangen. Das Wort „Gefühl“ war für mich am ehesten mit „Weinerlichkeit“ verbunden. Oder „Schwäche“. Ansonsten verband ich damit nichts.

Die mögliche Angst vor deinem Innenleben

Warum das Fühlen wichtig ist Angst vor Gefühlen

Ich kann sehr gut verstehen, wenn du um deine Gefühle und Emotionen einen Bogen machst (Emotion bedeutet dabei für mich: nichtgefühltes Gefühl). Das kann sogar eine ganze Zeit lang erstaunlich gut funktionieren. Es gibt verschiedene Arten Gefühle nicht zuzulassen: Beispielsweise verdrängst bzw. unterdrückst du deine Gefühle, erzeugst sie gar nicht oder du erzeugst ein unangemessenes Gefühl (zum Beispiel Scham statt Wut oder Angst statt Freude)*. Glaube mir: Wenn du nicht gelernt hast, deine Gefühle zuzulassen und/oder angemessen mit ihnen umzugehen, kann ich die mögliche Angst vor dem eigenen Innenleben unglaublich gut verstehen.

 

Vielleicht war es auch überlebensnotwendig für dich, Gefühle nicht zuzulassen. Du wurdest vielleicht im Kindes- und Jugendalter nicht ernst genommen, deine Bedürfnisse und Grenzen wurden nicht respektiert. Warst du möglicherweise mit Hysterie, Brüllen, Schlägen, Weinkrämpfen deiner Eltern konfrontiert und hast dir geschworen: "So werde ich auf gar keinen Fall!"? Weitere mögliche Gründe habe ich hier behutsam aufgeführt.

 

Doch auch folgende Sätze können dir schon früh die Botschaft vermittelt haben: „So wie du bist/fühlst/dich gerade zeigst, bist du falsch.“

 

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

„Als Mädchen brüllt man nicht so.“

„Wird das heute noch?“

„Du Weichei!“

„Dein Bruder hat da nicht so viel Angst.“

„Da muss man doch keine Angst haben.“

„Sei endlich still!“

„Warum heulst du jetzt so?“

„Musst du wieder so rumzicken?“

 

Vielleicht kannst du die Liste noch weiterführen. Aber eines ist bei all diesen Sätzen gleich: Sie tun weh. Richtig weh.

 

Warum also (wieder) fühlen? Warum das Risiko der erneuten Verletzung eingehen? Warum soll ich mich verpönten Gefühlen wie Hass, Wut, Verzweiflung, Eifersucht, Neid, Missgunst, Angst öffnen? Ausgerechnet die „negativen“ Gefühle, für die ich möglicherweise von Kindesbeinen an so viel Unmut auf mich gezogen habe?

 

Eines ist mir an dieser Stelle sehr wichtig: Du musst überhaupt nichts. Du musst nicht fühlen. Du musst es auch nicht lernen. Es ist ganz allein DEINE Entscheidung, ob du deine Gefühle wieder zulassen möchtest. Und wenn du Angst vor deinen Gefühlen und Emotionen haben solltest, lege ich dir wärmstens ans Herz, auf dieses Signal zu hören. Taste dich langsam heran. Zu einem Zeitpunkt, an dem es sich für dich stimmig anfühlt. Auf deine Art. Wenn du das willst. 

Warum ist das Fühlen wichtig?

1. Gefühle sind ein natürlicher Teil von dir

Genauso wie das Denken, Sprechen, Atmen, Verdauen, die Bewegung ist auch das Fühlen ein ganz normaler Teil von dir. Es gehört zu dir und jedem von uns. Ich finde, die Angst ist hier ein gutes Beispiel. Denn in unserem Gehirn ist die Amygdala für die Empfindung von Angst zuständig. Zu behaupten, Angst wäre etwas „Negatives“, macht also nicht viel Sinn ;-).

 

Es ist demnach völlig normal und GESUND, Angst, Wut, Freude, Neid, Hass, Trauer, Scham, Eifersucht, Verzweiflung usw. zu fühlen. Leider lernten die wenigsten von uns, wie das geht: Fühlen. Was wollen mir meine Gefühle in bestimmten Situationen sagen? Bin ich meinen Gefühlen hilflos ausgeliefert oder kann ich Gefühle situationsabhängig bewusst erzeugen? Wie helfen mir meine Gefühle, meine Bedürfnisse zu erfüllen? Was passiert, wenn ich meine Gefühle unterdrücke? Da sind wir schon beim nächsten Punkt.

2. Fühlen wirkt sich positiv auf deine Gesundheit aus

Vielleicht kennst du das: Du hast auf Arbeit wieder zur Übernahme einer Aufgabe Ja gesagt, obwohl du sofort wusstest, dass du dadurch länger arbeiten musst. Eigentlich wolltest du endlich mal wieder früher zu Hause sein. Möglicherweise gehört die Aufgabe nicht mal unbedingt zu deinem Aufgabengebiet. Du gehst erschöpft nach Hause, doch das Gedankenkarussell beruhigt sich nicht. Innerlich schimpfst du über deinen Kollegen, der dir die Aufgabe übergeben hat. Und überhaupt: Auch der blöde Verkehr nervt, die sind alle doof, können nicht Auto fahren, die Ampeln schalten alle auf Rot, du grummelst und schimpfst weiter über deinen Kollegen, den Verkehr und die Menschheit. Sodbrennen meldet sich, ein dumpfer Kopfschmerz, deine Schultern und dein Nacken sind verspannt. Du presst die Kiefer aufeinander. Und deine Erkältung will einfach nicht verschwinden, Schnupfen oder Husten halten sich zäh.

 

Ich könnte endlos weitermachen. In diesem Beispiel geht es mir um die Wut. Nein, du sollst deinen Kollegen nicht anschreien. Brauchst du auch nicht. Es genügt, deine Wut überhaupt wahrzunehmen, dass damit verbundene Bedürfnis zu erkennen (pünktlicher Feierabend, Entspannung, Erholung) und entsprechend ruhig zu handeln. So könntest du zu deinem Kollegen zum Beispiel sagen: „Ich freue mich, dass du mir die Aufgabe zutraust. Das ist allerdings nicht mein Fachgebiet. Ich kenne aber jemanden, der dir helfen kann.“ Glaub mir, ohne Drama Nein zu sagen bzw. eine Grenze zu setzen, fühlt sich richtig gut an :-).

3. Gefühle sind mit deinen Bedürfnissen verbunden

…und das gilt für alle Gefühle. Deine Gefühle meinen es gut mit dir. Vivian Dittmar beschreibt die Zusammenhänge zwischen Denken, Fühlen und unseren Bedürfnissen aus meiner Sicht sehr verständlich und unkompliziert*. Da unsere Gefühle unmittelbar mit unseren Bedürfnissen zusammenhängen, macht es aus meiner Sicht keinen Sinn, Gefühle in eine „positive“ und „negative“ Kategorie einzuteilen. Ich finde das sogar schädlich. Denn so entsteht der Eindruck, dass bestimmte Gefühle „wünschenswert“ bzw. „unangebracht“ sind. Doch wenn du Gefühle wie Hass, Trauer, Neid, Wut etc. ablehnst und unterdrückst, schneidest du dich von deinen Bedürfnissen ab.

4. Gefühle ermöglichen Lebendigkeit

Warum das Fühlen wichtig ist grimmiges Kindergesicht

Und wenn du dich von deinen individuellen und berechtigten Bedürfnissen abschneidest, schneidest du dich von deiner Lebendigkeit ab. Du unterdrückst dann etwas in dir, was eigentlich wahrgenommen und beachtet werden möchte.

 

Ein Beispiel dazu: Ich habe ein stark ausgeprägtes Ruhebedürfnis, besonders beim Schlafen. Wenn mein Partner allerdings schnarcht, meldet sich besonders ein Gefühl in mir sehr stark: der Hass. Ja, ich fühle Hass, wenn jemand schnarcht (Ich hasse also nicht die komplette Person!). Und das ist völlig ok, denn Hass bedeutet erstmal nichts anderes als „Abstand“. Und da ich (als erwachsene Person) für die Erfüllung meiner Bedürfnisse selbst verantwortlich bin, schlafe ich beispielsweise auf dem Sofa. Das ist für mich in Ordnung, da mir erholsamer Schlaf (und letztlich meine Gesundheit) wichtig ist. Ich erspare mir also Frust, Aggression, vielleicht sogar Beleidigung und das Treten meines Partners, der ohnehin weiterschnarcht :-). Na gut, vielleicht gucke ich so böse wie auf dem Kinderfoto :-).

 

Doch du erfüllst dir nicht nur deine Bedürfnisse, wenn du fühlen kannst. Unsere Gefühle ermöglichen uns den Zugang zu Fähigkeiten wie Anteilnahme, Mitgefühl, Dankbarkeit, Entwicklung und innerem Wachstum. Wir lachen, wir weinen, wir spenden Trost und können ihn annehmen, uns Fehler eingestehen, füreinander einstehen usw. Innerer Reichtum wird allmählich spürbar. Und darf ich dir etwas sagen? Wenn du fühlen und diesen inneren Reichtum in dir spüren kannst, macht dich das unglaublich attraktiv ;-).

5. Unterdrückte Gefühle lösen sich nicht auf

Gefühle wollen wahrgenommen werden. Sie wollen dich mit deinen Bedürfnissen in Verbindung bringen. Das ist ihre natürliche Aufgabe. Ich nehme als Beispiel nochmal die Situation mit der übernommenen Aufgabe. Sobald du die empfundene Wut nicht zulässt und nicht dem Gefühl entsprechend handelst, wird das Gefühl (also hier die Wut) zur Emotion. Diese Emotion wird in deinem Unterbewusstsein abgespeichert. Das unterdrückte Gefühl „verpufft“ also nicht! Da kann sich richtig was in dir anstauen… Und vielleicht kennst du das: Irgendwann genügt eine Kleinigkeit und der Vulkan in dir bricht unvermittelt, mit extremer Heftigkeit und zerstörerisch aus. Oder, so war es bei mir, du unterdrückst deine Gefühle so lange, bis zum Beispiel dein Körper den Stecker zieht und/oder bis du eine Depression entwickelst. Ich überlege oft, hinter wie vielen Erkrankungen nicht eigentlich verdrängte Gefühle stehen könnten...

6. Gefühle sind deine natürlichen "inneren Wächter"

Warum das Fühlen wichtig ist Gefühle als innere Wächter

Wenn du (wieder) fühlen kannst, brauchst du aus meiner Sicht keine inneren Schutzmauern und Verteidigungsmechanismen mehr, um dich und deine Verletzlichkeit zu schützen. Lass die Eifersucht in dir hochfackeln, genieße die Power der Wut in deinem Körper, lass dich von der Angst ins Unbekannte tragen, öffne dich der Trauer, tauche in deine Freude ein, lass die Verzweiflung in dir zu, spüre die (gesunde) Scham. Fühle das Stechen des Neides und ja: Erlaube dir, den Schmerz zu fühlen, wenn sich ein Bedürfnis nicht erfüllt. Niemand ist zwar vor Verletzung geschützt. Doch es gibt besonders ein Gefühl, das gut und zuverlässig auf dich aufpasst (wenn du es spüren magst): Deine Wut. Mit ihrer Hilfe kannst du ausdrücken, wenn dich etwas getroffen und verletzt hat. Damit stehst du für dich ein. Du achtest auf dich. Und vielleicht nimmt dein Gegenüber schon beim nächsten Mal Rücksicht auf dich. Sehr wahrscheinlich sogar. Du ahnst es vielleicht: Die Wut ist mein Lieblingsgefühl :-).

7. Gefühle verbinden dich mit dem, was im Hier und Jetzt passiert

Gefühle entstehen situationsabhängig. Da sie mit deinen Bedürfnissen verbunden sind, stellt sich also immer wieder die Frage: „Was ist jetzt gerade/in diesem Moment für mich wichtig?“ Um diese Frage beantworten zu können, braucht es hauptsächlich das Fühlen und weniger den Verstand. Natürlich triffst du mittels deiner Gedanken eine Bewertung der Situation („Es ist falsch, dass ich wieder Überstunden mache.“). Doch es sind die Gefühle (hier die Wut), die dir zeigen, was gerade wichtig für dich ist (Erholung, Entspannung). Und du brauchst die Energie des Gefühls, um so zu handeln, dass sich dein Bedürfnis erfüllt (in diesem Fall: freundlich und trotzdem deutlich die Bitte ablehnen). Das können unsere Gedanken nicht und das ist auch nicht ihre Aufgabe.

ein "Gefühlsbufett" für dich

Warum das Fühlen wichtig ist Weiterführende Links

Zum Abschluss habe ich noch ein reichhaltiges und umfangreiches Informationsbufett für dich angerichtet (in höchst subjektiver Auswahl) :-). Es besteht aus weiterführenden Blogartikeln, Buchtipps, Podcastfolgen und Videos rund um das große Thema Fühlen. Viele Menschen haben durch eine Bitte auf LinkedIn ihre tollen Beiträge mit mir geteilt und dieses Bufett ermöglicht. Ein herzliches Danke auch nochmal an dieser Stelle! Und nun: Bediene dich nach Herzenslust – Das Bufett ist eröffnet :-).

 

Bücher

*„Gefühle und Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung“

von Vivian Dittmar

Meine persönliche „Bibel“, wenn es um das Fühlen geht. Dem Buch verdanke ich viel Klarheit und Orientierung. Ich kann es dir nur wärmstens empfehlen.

 

„Gefühle sind keine Krankheit. Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen“

von Dr. Christian Peter Dogs und Nina Poelchau

 

„Gefühle sind zum Fühlen da“

von Safi Nidiaye

 

„Freut euch nicht zu spät. Warum das zweite Leben beginnt, wenn man begreift, dass man nur eines hat“

von Janice Jakait

 

Blogartikel

10 Gründe, warum Gefühle so wichtig sind

von Katrin Linzbach

 

Wut bei Kindern“ und „Muss ich auch mal sterben? – mit Kindern über Tod und Trauer reden

von Maria Klitz

Ihre Lebensgeschichte und Offenheit berühren und bewegen mich sehr.

 

Das große Geheimnis hinter der Akzeptanz von Gefühlen“ und „Gefühle: Fühlst du schon oder unterdrückst du noch?

von Natalie Barth

Was für eine Frau – Natalie hat den Ausstieg aus einer Sekte geschafft und ich bewundere sie für ihren Mut und ihre Authentizität.

 

"Emotionen neu denken!"

von Roger Marquardt

 

Die Macht von unterdrückten Gefühlen: Wie sich innere Wut auf die psychische Gesundheit auswirken kann

von Oberberg Kliniken, Verbund privater Fachkliniken im Bereich Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Trotz der Trennung in „negative“ und „positive“ Gefühle finde ich den Artikel sehr interessant.

 

Schonhaltung des Herzens

von Birgit Baldauf

 

"Gefühle verdrängen geht gar nicht!"

von Andrea Kasper

 

Webseiten

Traumafolgen und Gefühle, Teil 1: Verstört sein

von Dr. Udo Baer und Dr. Gabriele Frick-Baer

Die ganze Seite berührt mich einfach zutiefst, weshalb ich keine einzelne Seitenauswahl treffen konnte.

 

Emotionalkörpertherapie

von Anne Soeller

 

"Tod und Trauer - Teil 3 Vorschläge zur kindgerechten Bearbeitung von Trauer und Tod"

von Madlen Haß

Ich finde die Webseite nicht nur für Kids interessant!

 

"Emotionskultur"

von Monica Lonoce

 

Podcasts/Youtube

"Positiv denken lernen - oder lieber gleich aus der Polarisierung aussteigen?"

von Angela D. Kosa

Sie geht in der Folge zwar auf das Denken ein. Dennoch finde ich, dass ihre Gedanken auch auf das Fühlen übertragbar sind.

 

"Fährst du mit angezogener Handbremse, darf es dir gut gehen?"

von Kai Below

Kai erzählt einfühlsam von einem tragischen Erlebnis seines Vaters, welcher sich daran bis zu seinem Tod eine Mitschuld gab. Diese unaufgelösten Gefühle übertrugen sich auch auf Kai und er erzählt von seiner Vergebungsarbeit. Inspirierend!