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Sexueller Missbrauch - Tabu, Desinteresse, Belächeln

Es ist für Betroffene unerträglich. Sexueller Missbrauch ist alltäglich, ebenso das Wegsehen. Gestern entdeckte ich auf Youtube eine NDR-Sendung, welche 30-jährige!!! Übergriffigkeiten eines Tennislehrers dokumentierte. Obwohl ich die Sendung nicht sehen konnte, hinterließ ich einen deutlichen Kommentar. Die Kommentare einiger anderer Nutzer zu lesen, ist fast noch unerträglicher. Sie spiegeln in meinen Augen nämlich ein Grundproblem wider: Es interessiert keinen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass absolut formulierte Sätze wie: "Die Täter gehören weggesperrt!" und ähnliches einfach das schlechte Gewissen beruhigen sollen. "Ich hab was gesagt und gut." Das Problem: Das hilft niemandem. Natürlich machen solche Taten fassungslos, wütend und ohnmächtig. Aber sich hinzustellen und Sätze herauszuposaunen wie "Die Opfer müssen sich doch mal wehren! Das müssen die doch anzeigen!" bedeuten nur eines: Das Opfer sei (mal wieder) schuld. Eine einzige Katastrophe. Am "besten" sind dann noch die Ansichten, die meinen, das Opfer hätte doch bitte auch an andere zu denken. Für die Wut, die ich bei diesem Unfug empfinde, braucht es neue Wörter.

Es ist genug

Natürlich ärgern mich solche oberflächlichen und teilweise arroganten Aussagen sehr. Und ja, ich lasse bei diesem Thema meinen Gefühlen und Eindrücken freien Lauf. Warum? Die Betroffenen benötigen unter Umständen ein Leben lang!!! Therapie. Die Folgen können einen Betroffenen ein Leben lang begleiten. Suizidgedanken sind ständige Begleiter. Das Herunterspielen der Folgen sexuellen Missbrauchs macht mich stinkwütend. Und wem es in den Fingern juckt, mir zu sagen, ich solle meine "Emotionen regeln" (das antwortete mir ein Youtube-Nutzer, ich verlinke unten alles): Vergesst es. Es wird nämlich Zeit, dass wir unsere Wut äußern. 30 Jahre lang darf ein Täter tun und lassen, was er will. Keiner will was bemerkt haben? Oder hat was bemerkt und nichts gesagt? Ja, sagt mal, wo leben wir bitte? Die Kirche vergeht sich seit mindestens Jahrzehnten "im Namen Gottes" an Kindern und Jugendlichen - Wo bleibt der gesellschaftliche Aufschrei? Allzu oft wird der Fokus der Berichterstattung auf die Täter gerichtet. Und wenn dann doch mal über die Opfer berichtet wird (Danke, NDR!) müssen sie sich Unfug wie "Das muss doch angezeigt werden!" anhören. Klar platzt mir da der Kragen! Und dann Wörter wie "Respekt und Regulation" benutzen? Wir haben hier ein gesellschaftliches Problem. Und das nicht erst seit heute.

 

Nein, es ist genug.

Leidensberichte etc. Betroffener - Ihr könnt nicht mehr wegsehen

Und so werde ich anfangen, in diesem Artikel Erfahrungsberichte Betroffener zu sammeln. Der Artikel ist ein Zeichen gegen Ignoranz, Feigheit und Desinteresse. Es wird Zeit, dass wir anfangen zu reden. Wir haben lange genug geschwiegen. Auch meinen Youtube-Kommentar zeige ich dir hier - vorsorglich, falls er gelöscht werden sollte.

 

1. Youtube-Video "Missbrauch im Tennis - Warum stoppte niemand den Trainer J.?" vom NDR. Die Kommentare, die mich wütend machten, beziehen sich unter anderem auf Äußerungen der Nutzer john air, Pe, Melanie Milupi, 89Thomaa, Chris Germany, Big W, F R (Ergänzung: Der Nutzer john air hat einige seiner Aussagen gelöscht, welche sich ursprünglich auf den Kommentar von Nutzer upsi weisnicht bezogen. Meine Antworten sind im Verlauf noch sichtbar.)

Sexueller Missbrauch Gegen Desinteresse und Belächeln

2. Der Nutzerkommentar von sunshine im Online-Hilfeforum "Lichtweg" für Opfer von sexuellem Missbrauch ist doch einfach nur zutiefst erschütternd (und lieber sunshine: Du bist in meinen Augen einer der mutigsten Menschen unter der Sonne). Aber auch viele andere Einträge gehen mir zutiefst zu Herzen.

 

3. Erfahrungsbericht sexueller Missbrauch: "Ich bin nicht der Missbrauch!" Beate Kriechel wurde vom Stiefvater und dessen Sohn ab einem Alter von etwa 7 Jahren sexuell missbraucht. Außerdem hat sie ein Buch geschrieben: "Für immer traumatisiert? Leben nach sexuellem Missbrauch in der Familie". In den Nutzerkommentaren schreiben auch hier viele von ihren quälenden und lebensbegleitenden Missbrauchserfahrungen.

 

4. Auch Sandra hat Missbrauch in der eigenen Familie erleiden müssen. Auf ihrer berührenden Webseite "Davon abgesehen läufts!" gibt sie ihre Erfahrungen weiter.

 

5. Als Kind missbraucht: "Therapie bis an mein Lebensende" von SWR3. Nach den Ereignissen in Münster sprach der SWR mit Missbrauchsbetroffenen. Es fällt mir einfach nur schwer, sachlich zu bleiben.

 

6. Sexueller Missbrauch - ein Opfer berichtet von den Folgen: "Zieh dich aus, du Schlampe!" von Christine Holch im evangelischen chrismon-Magazin. Es ist so unsagbar grausam, was der Betroffenen Lea angetan wurde. Sie wurde zunächst vom Onkel regelmäßig missbraucht und vergewaltigt, später war es eine Männergruppe. Dann wurde sie auch noch vom Täter gestalkt. Liebe Lea, was hast du für einen unbändigen Lebenswillen. Ich wünschte, ich könnte für ein Stück Wiedergutmachung und Gerechtigkeit sorgen. Mir kommen die Tränen vor Wut. Auch in den Leserkommentaren berichten viele vom erlittenen Missbrauch. Scheiße noch eins, und so viele sehen Tag für Tag weg!!!

 

7. Sexueller Missbrauch in der Kindheit: "Ich schloss meistens die Augen, weil ich es nicht ertrug" - Artikel von Dietmar Seher. 1.700!!!!! Opfer erzählten einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs ihre Leidensgeschichten. Eine der Kernaussagen auch hier: Der Großteil der Fälle wurde weder verhindert noch bestraft.

 

8. Sexueller Missbrauch im Sport: "Mein Körper war im Schockzustand" - ZDF-Artikel von Henriette de Maizière

 

9. Sexualisierte Gewalt im Sport: Die Betroffenen im Mittelpunkt - Sportschau-Artikel von Andrea Schültke

 

10. Weitergabe von Kinderpornografie: Bewährungsstrafe für Metzelder - Tagesschauartikel. Bewährungsstrafe - ohne Worte. Herr Metzelder, wenn Sie auch nur ein Gramm Anstand in sich tragen, dann lassen Sie das Selbstmitleid! Erzählen Sie stattdessen, woher das Material kam, wer alles an der Schweinerei beteiligt war und  was Betroffene sonst noch schützen kann! DAS hilft und kein "Ich bedaure". Sie wissen genau, was Sie gemacht haben, Heuchelei können Sie sich definitiv sparen.

 

11. Sexueller Missbrauch: "Ich bin doch selbst schuld!" Mein Blogartikel, in dem ich von der Aufarbeitung meiner Schuldempfindungen erzähle.

 

12. Katholische Kirche: Kardinal Marx bietet Rücktritt an - Tagesschau-Artikel. Mir graut vor dem Gutachten, welches im Artikel erwähnt wird. Natürlich werde ich es aber erwähnen. Was ich gut in der Stellungnahme von ihm finde, ist, dass er das Systemversagen anspricht. Systemversagen einer großen Institution und irgendwie auch unserer Gesellschaft. Schweigen (und ich meine nicht das Schweigen der Opfer) schützt die Täter.

 

13. Weitere Anklage im Missbrauchsfall Münster: 37-Jähriger beschuldigt von der Tiroler Tageszeitung, 07.06.21. Ich möchte das bekannte Zitat von Goethe "Ein Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter" etwas abwandeln: Wie verhält es sich mit einem Land, welches die Kinder nicht beschützt? Freunde, Schulen, Nachbarn - Niemand will was bemerkt haben? Niemand will was bemerkt haben? Niemand will was bemerkt haben?

 

14. Verstörende Anklageschrift: Missbrauchsfall Bergisch Gladbach vor Gericht vom ZDF. Das kleine Mädchen hat geschrien. Der "Mensch" hat ihr die Gliedmaßen verbogen, um sie besser beim Missbrauch filmen zu können. Und wieder will angeblich keiner was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben. Keiner will was bemerkt haben.

 

15. Anfang Juni stellte jemand in der Nachbarschaftsapp "nebenan.de" ein Projekt für häusliche und sexuelle Gewaltopfer vor. Darauf antwortete ich und erzählte u. a., dass ich hier auf der Seite Artikel über Missbrauch schreibe. Am 10.06.21 erhielt ich eine Privatnachricht eines männlichen Nutzers, er würde meine Antwort befremdlich finden und es "wäre besser" (seine Wortwahl), ich würde solche "politischen Themen" aus der App heraushalten. Wie wirkt das auf dich?

 

16. #MeToo in deutscher Rapszene: Kollektives Schweigen gebrochen von Carolina Schwarz der taz. Endlich! Endlich! Endlich! Nika Irani, mein Herz hast du! Ich bewundere diese Frau, dass sie diesen Riesenmut aufbringt und das Schweigen durchbricht! Das ist mit so viel Angst verbunden, die man erstmal aushalten muss. Und leider wird sie wohl mit viel Hetze und Verachtung konfrontiert. Stark bleiben, Nika! Du schenkst vielen Betroffenen Mut, Kraft und vor allem Worte!

 

Fortsetzung folgt!

Bist auch du vom sexuellen Missbrauch betroffen? Wünschst du dir, endlich gesehen/gehört/gelesen zu werden? Magst du mit anderen teilen, was dir auf dem Herzen liegt? Was wünschst du dir für deine Zukunft? Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie heilsam oder zumindest lindernd das Schreiben sein kann. Wenn du magst, kannst du mir deine Gedanken an folgende E-Mail-Adresse schicken: info@unverschlossen.de. Bitte schreibe dazu, ob ich deinen Text hier auf der Webseite veröffentlichen darf und wie ich deinen Namen dabei angebe (z. B. "anonym", die Anfangsbuchstaben deines Vor- und Nachnamens, dein Vorname, dein kompletter Name oder eine andere Variante). Deine Mailadresse benutze ich keinesfalls für irgendwelche Werbezwecke oder ähnliches. Wenn ich deinen Text mit deinem Einverständnis veröffentlicht habe, du ihn aber zu einem späteren Zeitpunkt doch lieber löschen lassen möchtest, ist das kein Problem. Schreib mir dann einfach eine kurze Mail an info@unverschlossen.de und bitte um die Löschung deines Textes. Bitte beachte: Das Angebot ersetzt kein therapeutisches Gespräch oder ähnliches und auch eine Antwort kann ich dir nicht versprechen.