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Abschied von meiner Wohnung

Meine Wohnung in der Leipziger Georg-Schwarz-Straße war für mich nicht irgendeine Wohnung. Sie war für mich rund 4,5 Jahre Rückzugsort, Schutzraum, Entwicklungsort und manchmal auch eine Burg. Vom Wohnzimmer aus residierte ich über meine Kreuzung :D. Ich saß sehr gerne auf dem tiefen Fenstersitz und beobachtete das Treiben auf der Straße.

 

Und nun muss/soll/darf ich Ende Juli wegen einer Eigenbedarfskündigung ausziehen. Mir steht mein 14. Umzug bevor. In einigen Tagen werde ich 31. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie viel Lust ich auf einen Umzug habe. Exakt gar keine. Ich habe rund 4,5 Jahre in meiner Wohnung gelebt. 4,5 Jahre in EINER Wohnung – Für mich hat diese Dauer einen hohen Wert. Denn sie zeigt mir: Ich laufe nicht mehr vor meinen Problemen davon.

 

Ich möchte mich mit diesem Artikel von meiner geliebten Wohnung verabschieden. Auch wenn sie mir mittlerweile zu groß ist, ich von Beginn an mit lauten Nachbarn zu kämpfen hatte und es im Sommer kaum erträglich ist (Altbau, Dachgeschoss), tut der Abschied weh. Denn ich habe meine ganze Entwicklung und Veränderung in dieser Wohnung durchgemacht. Und sie hat mich immer beschützt. Ich teile im Folgenden einige Bilder mit dir und erzähle ein bisschen was dazu. Vielleicht wird es chronologisch, vielleicht auch nicht :-).

Abschied von meiner Wohnung Treuer Begleiter
Leo, mein treuer Begleiter seit Dezember 2020

Liebe auf den ersten Blick

Schon bei der ersten Besichtigung im Februar 2017 hatte ich mich in die Wohnung verliebt. 60 qm, ein sechseckiges Wohnzimmer, viel Licht (Südausrichtung), Parkett, überall kleine Macken (das Küchenfenster ist undicht), ein schönes Bad, damals noch bezahlbar (420 € warm). Und obwohl die Hausverwaltung schon bei der Besichtigung sagte, dass es mit dem Nachbarn „Probleme“ gibt, nahm ich die Wohnung und zog gleich Ende Februar 2017 ein. Das kleine Finanzpolster, welches ich mir durch eine hohe Mietminderung bis September 2018 erkämpft hatte, lässt mich bis heute ruhig schlafen.

 

Die Einrichtung meiner Wohnung war damals willkürlich zusammengewürfelt und spartanisch. Heute weiß ich: Meine Wohnung war zu jedem Zeitpunkt ein Ausdruck meines Innenlebens. Mir ist selbst nicht begreiflich, dass ich bis Ende 2018/Anfang 2019 so gelebt hatte. Doch es war genau die Zeit, in der es mit mir und meinen Lebenskräften nach einigen kleineren Hochs doch kontinuierlich bergab ging. Ich war mir selbst völlig egal und so sah auch meine Einrichtung aus.

Wie innen, so außen

Abschied von meiner Wohnung
Ein aktuelles Wohnzimmerbild

Siehst du den blauen Pfeil auf meinem Wohnzimmerbild? Vor dieser Wand lag ich am 17.09.2018, als ich diese schreckliche, ruhige Stimme nach einer schlimmen Nacht in mir hörte. In meinem Artikel zur Heilung meiner Depression erzähle ich dir mehr davon. Und ich kann bis heute nicht sagen, warum ich dann zum Handy gegriffen habe. Aber zum Glück war es so.

 

Ende 2018 kaufte ich mir dann endlich weitere Möbel. Es war sogar ein Schminktisch dabei :-). Er war einer der ersten Gegenstände, den ich ab Februar/März 2020 wieder verkaufte :D. Doch der Reihe nach. Ende 2018/Anfang 2019 gab es in meiner Wohnung nur Chaos. Altes stand noch herum, Neues baute ich nach und nach auf. Als dann alles stand, war es schön und gemütlich. 2019 kamen nach und nach selbstgestaltete Bilder dazu, ich liebe DIY. Ich habe die Einstellung: „Was ihr in teuer könnt, kann ich in günstig“ :D. Hier auf der Straße gibt es eines meiner Lieblingsgeschäfte in Leipzig: krimZkrams. Ein Geschäft für Re- und Upcycling. Ich war oft und sehr gerne dort :-). Das untere Bild ist zwar vom Februar 2021. Aber an der Wand sieht man ein bisschen, wie ich so ticke.

Abschied von meiner Wohnung Keine leeren Wände
Ich hasse leere Wände :D

"Bei Ihnen sieht es aus wie in einem Seminarraum"

2019 war aber auch mein extrem intensives Aufarbeitungsjahr. Tantra, Mantrasingkreise (im Singkreis Melem gelang mir die Verbindung zu meinem inneren Kind, zur kleinen Kirsten, wieder), Besuche im ZEGG in Bad Belzig, Frauenkreise, Tagebuch Tagebuch Tagebuch, Coachings, Kurse, Workshops, bei Ana Lahak (einer mexikanischen Schamanin) legte ich mich Ende September in einen Sarg (und erst dort kam heraus, wie extrem ich meine Mama beschützte), Therapie usw. – Ich wäre auch auf den Mond geflogen, wenn es dort für mich ein passendes Hilfsangebot gegeben hätte.

 

Und egal, was ich probierte, aufarbeitete, egal wie dunkel es manchmal war – Meine Wohnung hat mich immer beschützt. Irgendwann 2019 kam der Heizungsleser vorbei, guckte sich im Wohnzimmer um und meinte im netten Ton: „Bei Ihnen sieht es aus wie in einem Seminarraum“ :D. Überall hingen Zettel, Buch- und Spruchzitate. Sie gaben mir Halt und waren wichtige Gedankenstützen.

Immer, wenn ich in meine Wohnung kam, spürte ich: Hier bin ich zu Hause

Und dann war da Weihnachten 2019. Den Adventskalender hatte ich mir selbst gebastelt. Es steckte viel Zeit und Liebe drin. Endlich. Er war ein Punkt auf meiner To-Do-Verwirklichungsliste gewesen. Über sie schreibe ich mal einen eigenen Artikel. Doch den Heiligabend 2019 verbrachte ich bewusst und gewollt und gern allein. Das löste ein Erdbeben in meiner Familie aus. Kirsten brach aus ihrer Rolle aus. Bis heute halten die Verwerfungen an. Aber auch darüber schreibe ich einen eigenen Artikel. Wird sonst zu faserig :-).

 

Glaub mir, wenn ich die Bilder sehe, kullern bei mir die Tränen. Siehst du das eingepackte Geschenk auf dem Tisch am Fenster? Es war der Fotoband zur Bilderreihe „The Nu Project“, über die ich im Selbstliebe-Artikel schreibe. Ich hatte mir das Buch selbst geschenkt. Es war damals der EINZIGE Fotoband in ganz Deutschland, antiquarisch bei einem Kieler Buchhändler. Und dann war das Buch bei mir :-).

Wozu brauche ich so viel Zeug?

Je mehr ich allerdings spürte, dass ich es aus dem dunklen Loch nachhaltig schaffte, desto stärker keimte eine Frage in mir: Wozu brauche ich eigentlich so viel Zeug? :D Und so setzte ab Februar 2020 eine große Entrümpelungswelle ein. Je mehr ich bei mir selbst ankam, desto weniger Dinge wollte ich um mich haben. Und wie gesagt, der Schminktisch musste zuerst dran glauben :-).

 

Leichter war es letztes Jahr nicht unbedingt. Denn was dir niemand erzählt, ist, was eigentlich nach einer geheilten Depression passiert. Ich hatte mich ja zutiefst verändert. Das sollte mir aber erst im Laufe des Jahres 2020 bewusst werden. Ich wurde körperlich immer schwächer. Zwar stellte meine Hausärztin einen Vitamin-D-Mangel fest. Doch diese extreme Schwäche war damit nicht geklärt. Organisch war zum Glück alles in Ordnung. Im Juni war ich allein vom Haarekämmen völlig erschöpft. Heute weiß ich: Mein Körper zog nach. Mein Geist und meine Psyche waren geheilt und nun war mein Körper dran. Dieses Wunderwerk, das mich über so viele schwierige Jahre am Leben gehalten und diese Aufarbeitungstortur durchgehalten hat. Der Weg bis zu dieser Erkenntnis war von starker Ungeduld und großer Angst geprägt. Das hielt ich nur dank meiner Aufarbeitungserfahrungen durch.

Abschied von meiner Wohnung Gewittergucken
Gewittergucken :-)

Schwierigste Momente stand ich in meiner Wohnung durch

Und ab und zu kamen noch Reste aus meiner Vergangenheit hoch. Durch das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Münster rissen auch meine Wunden wieder auf. Und ließen sich nicht mehr verdrängen. Das war ganz ganz gefährlich. Ich musste mich dem stellen. In diesem Artikel schreibe ich darüber, wie ich diese schrecklichen Schuldempfindungen überwand. Alles stand nochmal auf der Kippe. Auf dem Wohnzimmerbild von oben ist ein roter Pfeil eingezeichnet. An der Wand saß ich, als ich diese schrecklichen inneren Blitze sah und um mein Leben kämpfte. Es war so grauenvoll. Das war im Juni 2020. Übrigens: Von der Klinikentlassung im November 2018 bis Mai 2021 begleitete mich das sehr belastende Stalking. Seit Mai ist nichts mehr passiert. Ich hoffe, es bleibt endlich so.

Abschied von meiner Wohnung Stalkingabwehr
Stalkingabwehr

Mit dem Einzug der lauten Familie unter mir im letzten Sommer wurde dann schon langsam der Abschied eingeläutet. Irgendwann im August 2020 schoss mir abends mal plötzlich durch den Kopf: „Du bist nächsten Sommer hier raus.“ Am 01.03.2021 ruft mich mein Vermieter an: Eigenbedarfskündigung. Und nun ziehe ich zum 31.07.21 aus.

Danke, Danke, Danke - Ein Kapitel geht zu ende

Ich verdanke meiner Wohnung so irre viel. Lange war für mich unvorstellbar, hier jemals auszuziehen. Doch auch wenn der Auszug weh tut, ist es mittlerweile ok. Soll sich mein jetziger Vermieter mit dem Lärm hier herumärgern :-). Vor einigen Tagen las ich in einem kleinen Spruchbüchlein folgendes Zitat von Rabindranath Tagore: „Schöne Tage… Nicht weinen, dass sie vergangen, sondern lächeln, dass sie gewesen.“ (1) Auf meine Wohnung übertragen, denke ich: Ja, gottseidank fand mich diese Wohnung.

 

Andere machen eine Weltreise. Ich habe eine große Reise nach innen gemacht. Anker und Schutz war dabei meine Wohnung. Und nun… Mal schauen, wo mich das Leben als nächstes hinschickt :-).

Abschied von meiner Wohnung Ein Kapitel geht zu Ende
Wohin?

Quelle:

(1) Rabindranath Tagore: Spruch zum 3. Juli. In: Tania Konnerth: Sonnenschein an jedem Tag. 365 gute Gedanken. 6. Auflage, 2004, Herder.