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Sich der Depression stellen - Teil 2 Gefühle und Verletzlichkeit

Im ersten Teil des Artikels hast du, du mutiges Wesen, dich möglichen Ursachen deiner Depression und inneren Wunden gestellt. Du hast Leid und Schmerz in Form von Tränen fließen lassen. Möglicherweise hattest du Angst dabei und hast dich auch dieser gestellt. Ich bin aufrichtig stolz auf dich. Ganz ehrlich. Hast du dir eventuell Hilfe gesucht, falls doch zu viel hochkam? Falls ja: Super! Um Hilfe fragen zu können, ist eine wichtige Fähigkeit!

 

Vielleicht fragst du dich gerade, wie ich diesen Schmerz, das Weinen und die Angst gut finden kann. Woher der Stolz auf dich kommt. Weil ich das gut kenne. Du lässt Gefühle zu. Du lässt innere Schmerzen zu. Du beginnst, dir deine Wunden anzusehen. So kann ganz langsam deine Heilung einsetzen. Nein, das ist weder schön, noch angenehm. Aber aus meiner Sicht bist du auf einem richtig guten Weg.

"Ich kenne das alles schon."

Sich der Depression stellen Schwere Last hinter sich ziehen

Denn du weißt ja mittlerweile, dass ich unter Depression „verdrängte Gefühle“ verstehe. Und wenn es um Gefühle geht, brauchen wir den Verstand und das Denken so gut wie nicht ;-). Der Verstand kann nicht fühlen. Wenn du dich deiner Depression stellst und sie überwinden möchtest, braucht es kaum Analysen. Wozu sollen sie gut sein? Und so erkennst du, was du eh schon lange ahnst: Deine Kindheit und Jugend war alles andere als glücklich. Ist dir damit geholfen? Ich bezweifle es ganz vorsichtig.

 

Als ich 2018 in der psychiatrischen Klinik war, lernte ich Menschen kennen, die bereits mehrere Klinikaufenthalte und Therapien hinter sich hatten. Es berührte mich, als eine Patientin in der Aufklärungsgruppe zur Angst zu mir meinte: „Ich kenne das eh alles schon. Eigentlich könnte ich die Gruppe leiten.“ Manche hatten bereits unzählige Bücher zur Selbsthilfe gelesen und konnten nur zu gut analysieren, was die Ursachen für ihre Depression waren. Sie wussten ganz genau, was sie in der Kindheit und Jugend nicht bekommen hatten und was ihnen angetan wurde. Und doch meldete sich die Depression mit ihren Symptomen immer wieder.

 

Ich kann sehr gut nachvollziehen, weshalb die Auseinandersetzung mit den eigenen verdrängten Gefühlen und inneren Schmerzen so schwer fällt. Und glaube mir, ich versuche dich nicht auf diesen Weg zu schieben und zu zwingen. Du entscheidest, ob und wann du für den Weg bereit bist. Vielleicht gehst du ihn sogar schon, vielleicht zögerst bzw. wartest du noch, vielleicht gehst du ihn nicht. Vielleicht kehrst du um, vielleicht verlierst du für einen Augenblick die Orientierung.

Die eigene Verletzlichkeit wieder erlauben - eine gute Idee?

Sich der Depression stellen zerbrochenes Herz

Sich der Depression zu stellen und Gefühle und Emotionen wieder zuzulassen, bedeutet aus meiner Sicht auch, sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen. Und wenn du mit Verletzlichkeit etwas wie „Schwäche“, „Minderwertigkeit“ oder „Mimose“ verbindest (Willkommen im Club), ist es aus meiner Sicht nur zu verständlich, dass du großen inneren Widerstand gegen das Zulassen deiner Gefühle spürst. Wenn du zudem von Kindheit an immer und immer wieder verletzt wurdest, ist es in meinen Augen auch nur logisch, dass du dicke Mauern und Stacheldraht um dein Herz gezogen hast. Noch gravierender wird das Ganze, wenn nie eine konstante Vertrauensperson da war, auf die du dich verlassen konntest. Natürlich bist du da sehr vorsichtig. Du schützt dich.

 

Und so ist es in meinen Augen nur zu verständlich, wenn du zum Beispiel Angst davor hast, mit anderen Menschen in Kontakt und Austausch zu treten, „Nein“ zu sagen, dich der Selbstliebe zu öffnen und und und. Woher sollst du wissen, dass nicht doch nur wieder Enttäuschung, Vertrauensbruch, großer Schmerz auf dich warten? Wie oft hast du doch vertraut (trotz Mauer und Stacheldraht), dich überwunden und wurdest doch nur wieder verletzt? Wie alt warst du zu diesen Zeitpunkten? Und was hast du daraus gelernt? - Die Schutzmauer und den Stacheldraht noch um tiefe Gräben und bewaffnete Soldaten zu erweitern. Alles zu deinem eigenen Schutz. Was sollst du auch sonst tun?

 

Vielleicht bist du allerdings innerlich noch weiter weg. Schutzmauer und Stacheldraht siehst du längst nicht mehr. Du hast dich in einen sehr hohen Turm ohne Eingang, in eine dunkle Höhle (mit großem Felsbrocken davor) oder einen tiefen Brunnen zurückgezogen. Dort wo du bist – Siehst du das Licht noch?

Die tiefe Angst vor erneuter Verletzung und Enttäuschung

Sich der Depression stellen innere Verletzungen

Und deshalb palavere ich hier nicht leichtsinnig herum, weshalb es so „toll“ und angeblich „einfach“ sein kann, aus der Depression, Sucht, Angststörung, Persönlichkeitsstörung, PTBS, Essstörung, Suizidalität, Zwangsstörung usw. herauszukommen. Wie oft wurdest du geködert? Wie oft hast du gedacht: „Vielleicht wird ja doch alles wieder gut.“ oder „Vielleicht hört es jetzt auf.“ – und dann? Wurde gar nichts gut, nichts hörte auf. Und so hast du dich innerlich noch weiter zurückgezogen.

 

Ich kann es deshalb auch gut nachvollziehen, wenn du Ablenkung, Entspannung und Hilfe in Drogen, Alkohol, Zigaretten, im Essen (oder Nichtessen), Medikamenten, im Sport, beim Zocken, beim Sex, in der Pornographie, beim Ritzen, Hautaufdrücken, Haareausreißen und und und suchst. Und ja, auch in Suizidversuchen.

 

Weshalb es sich aus meiner Sicht dennoch lohnt, wenn du den beschwerlichen Weg zur Heilung deiner Depression auf dich nimmst, darüber schreibe ich beim nächsten Mal. Es gruselt mich einfach bei der Vorstellung, dir einen Text à la „20 Gründe, weshalb du deine Depression unbedingt heilen solltest“ zu präsentieren. Mir persönlich ist das zu oberflächlich und unsensibel. Das hat für mich den Beigeschmack von „Ist doch ganz einfach.“ Aber das ist es aus meiner Sicht definitiv nicht.

Nur DU entscheidest

Dabei ist mir auch wichtig: Wenn ich dir von meinen Veränderungen erzähle, ist das nur ein Angebot von mir. Nichts weiter. Ich stelle ein Schild oder, falls dich das eher anspricht, einen Wegweiser in die Nähe deiner Höhle, deines Turms, deiner Schutzmauern und des Stacheldrahts und DU entscheidest, was du damit machst. Alles ist erlaubt. Auch Ignoranz und Gedanken wie „Was ist mit der denn? Hat die ne Meise?“ :-). Vielleicht packt dich auch die Zerstörungswut und du zerlegst das Schild. Schließlich nähere ich mich dir in recht großen Schritten (vielleicht lässt du das aber auch ein Stück weit zu ;-)).

 

Nur DU entscheidest, ob, wann und in welchem Umfang du die Schutzmauern und den Schutzstacheldraht zurücknimmst. Ob du aus dem Turm, der Höhle, dem Brunnen kommen möchtest oder nicht. Das entscheidet nicht dein Therapeut, dein Psychiater, dein Coach, kein Motivationstrainer, kein Buch, keine Meditation, kein Kursleiter, kein Partner (bei allem gilt natürlich immer auch die weibliche Form), kein Freund, keine Eltern, ich erst recht nicht. Einzig und allein DU entscheidest das. Und wenn du erstmal an deinem sicheren Ort bleiben möchtest: Dann ist das so. Dann hast du eine für dich stimmige und passende Entscheidung getroffen. Auch damit achtest du in meinen Augen gut auf dich.

 

Lesen wir uns bald wieder? Ich würde mich freuen.

 

Herzensgruß

 

Deine Kirsten

 

PS: Hier gelangst du zum ersten oder dritten Teil des Artikels: