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Sich der Depression stellen - Teil 1 Mögliche Wunden

Ich schreibe in diesem Artikel darüber, warum es sich lohnt, den beschwerlichen Weg zu den Ursachen deiner Depression auf dich zu nehmen. Warum es sich am Ende doch lohnt, viel zu weinen, Berge von vollgeschnäuzten Taschentüchern entstehen zu lassen, zu brüllen, zu verzweifeln, innere Schmerzen auszuhalten, Ängste zu überwinden und ja – auch den Körper dabei für eine gewisse Zeit zu strapazieren. 

 

Dieser Artikel ist aus meiner Sicht für dich geeignet, wenn du dich bewusst den Ursachen deiner Depression (und damit möglicher verbundener Begleitsymptome wie Angststörung, Sucht, Essstörung, PTBS, Suizidgedanken usw.) stellen möchtest. Wenn du an dem Punkt bist und zu dir selbst sagst: „Ok, ich hör auf zu kämpfen. Ich stelle mich dem, was sich da tief in mir meldet. Ich laufe nicht mehr weg.“ Der Artikel beginnt nicht schön. Sei dir dessen bitte bewusst und beachte unbedingt den Hinweis zur Eigenverantwortung am Ende der Seite.

 

Denn ich rede nicht drumherum. Wer an einer Depression erkrankt ist, hat aus meiner persönlichen Sicht etwas zutiefst Verletzendes erlebt. Damit meine ich nicht hauptsächlich „das eine“ traumatisierende Ereignis. Vielmehr meine ich damit eine Kindheit und Jugend, die alles andere als harmonisch verlaufen ist.

 

Doch auf dem Weg zur Heilung der Depression nützt es in meinen Augen nichts, die Wunden zu verdecken. Das bewusste Ansehen der Wunden ist aus meiner Sicht unumgänglich, wenn du die Depression überwinden möchtest. Doch im vorherigen Artikel habe ich gesagt: Ich lasse dich dabei nicht alleine. Ich geh da mit dir zusammen durch. Die Fragen (und verschiedenen Kombinationen) lassen eine Art inneren Film in mir entstehen. Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen, kann ich so trotzdem erahnen, was dir (auch als Baby und Kind) passiert ist und was es in dir angerichtet hat. Ich sehe den inneren Film nicht nur - ich fühle auch mit.

Was ist dir passiert?

  • Wurdest du von Menschen missbraucht, die dir eigentlich sehr nahe stehen?
  • Wurdest du geschlagen?
  • Wurdest du angebrüllt?
  • Wurdest du ausgelacht?
  • Wurdest du beschimpft?
  • Wurdest du eingesperrt?
  • Wurdest du verlassen?
  • Konntest du nie etwas richtig machen?
  • Warst du den Situationen und Menschen, welche dir schadeten, schutzlos ausgeliefert?
  • Wurdest du unter Druck gesetzt?
  • Wurden dir Schuldgefühle eingeredet?
  • Wurdest du zu Dingen gezwungen oder überredet, die du nicht tun wolltest?
  • Wurdest du vergewaltigt?
  • Musstest du furchtbare Dinge mitansehen oder anhören?
  • Wurdest du weggegeben?
  • Wurde dein Flehen, dein Beten, dein Weinen, dein Schreien jemals wahrgenommen?
  • Wurde dir viel verboten?
  • Ging es in deiner Familie hauptsächlich/ausschließlich um Leistungen und Ergebnisse?
  • Wurde von dir erwartet, dass du die unerreichten Träume und Lebensziele deiner Eltern erfüllst? Was passierte, als du das nicht tun wolltest? Wurdest du mit Schuldgefühlen und Enttäuschung erpresst? (Ausgedrückt in Sätzen wie: "Du bist eine einzige Enttäuschung.", "Ich bin wirklich enttäuscht von dir." oder "Von dir hätte ich das nicht erwartet.")
  • Warst du gezwungen, dich anzupassen?
  • Wurdest du ignoriert?
  • Durftest du deine Gefühle zeigen?
  • Hast du oft Sätze gehört wie: "Stell dich doch mal nicht immer so an.", "Was ist denn bloß jetzt schon wieder mit dir?", "Hör auf zu heulen!", "Du strengst dich nicht genug an.", "Es reicht mir mit dir!" usw.?
  • War deine Kindheit und Jugend eher von Gefühlskälte und Lieblosigkeit geprägt?
  • Wurdest du als Baby schreien gelassen?
  • Wurdest du ständig mit jemandem verglichen?
  • Wurden deine Geschwister und du ungleich behandelt?
  • Haben sich deine (Stief-)Eltern oft gestritten? Ging es dabei häufig um dich (und deine Geschwister)? Hast du oft etwas gedacht wie : "Wenn ich nicht da wäre, geht es allen besser. Dann gibt es keinen Streit."?
  • Wurden dir Dinge erzählt, für die du viel zu klein und jung warst?
  • Warst du Mamas bzw. Papas "kleiner Therapeut"?
  • Wurdest du als "seelischer Müllereimer" benutzt, doch es interessierte niemanden wirklich, wie es dir ging und wie dein Tag war?
  • Musstest du (sehr) früh (zu) viel Verantwortung übernehmen?
  • Hast du den Kummer deiner Geschwister gespürt? Quälen dich Schuldgefühle ("Ich habe ihnen nicht geholfen.", "Ich habe sie im Stich gelassen.")?
  • Haben sich deine Eltern getrennt? Wie alt warst du zu diesem Zeitpunkt? Wie hast du die Trennung verkraftet?
  • Ist deine Familie häufig umgezogen? Wie ging es dir dabei?
  • Kommst du gebürtig aus einem anderen Land und kämpfst mit einem diffusen Gefühl von Entwurzelung?
  • Wurdest du häufig übergangen?
  • Musstest du mit schmutziger Kleidung in den Kindergarten/zur Schule? Wurdest du dafür ausgelacht?
  • Hattest du genug zum Essen?
  • Musstest du um dein Leben fürchten?
  • Hattest du bereits als Kind oder Jugendliche/r Suizidgedanken?
  • Wurde dir gesagt, dass du „nicht gewollt“ warst?

An dieser Stelle möchte ich mich entschuldigen. Denn aus meiner Sicht kann eine Depression beispielsweise auch dann entstehen, wenn du den schweren Verlust eines Kindes oder auch eines Tieres erlitten hast. Ich selbst habe das allerdings (noch?) nicht erfahren. Deshalb befürchte ich, dass ich mit einer möglicherweise unpassenden und kalt oder roh wirkenden Wortwahl etwas in dir anrichte, was ich definitiv nicht beabsichtige. Trotzdem ist es mir wichtig, dir zu sagen, dass ich auch an dich denke.

Lass uns innehalten

Vielleicht weinst du gerade sehr und Erinnerungen drängen sich dir auf und du weißt nicht, was du tun sollst. Ich kenne das gut. Und glaube mir, ich fühle und weine mit dir. Ich kann auch deine mögliche Angst gut nachvollziehen. Es lässt mich ganz und gar nicht kalt, was dir passiert ist. Wenn du möchtest, fühle dich von mir fest umarmt. Ich halte dich einfach nur und dann weinen wir zusammen.

 

Es tut mir so leid, dass dir das passiert ist.

 

Wir weinen zusammen.

 

Ich halte dich ganz fest.

 

Wir weinen zusammen.

 

Ich bin bei dir.

 

Wir weinen zusammen.

 

Ich ahne die Qualen, die du durchmachen musstest.

 

Wir weinen zusammen.

 

Ich sehe deinen tiefen Kummer.

 

Wir weinen zusammen.

 

Es tut mir so leid, was dir angetan wurde.

 

Wir weinen zusammen.

 

Ich halte dich so lange, wie du es jetzt magst.

Bis alle Tränen für diesen Moment geweint sind.

Was brauchst du jetzt?

Was tut dir jetzt gut? Falls zu viel auf einmal hochkam, scheue dich bitte nicht, dir Hilfe zu holen. Vielleicht magst du deinen Psychiater, deinen Therapeuten oder Heilpraktiker anrufen oder eine Nachricht schicken.

 

Hier findest du weitere Hilfe:

Vielleicht hilft dir jetzt auch das Schreiben, Malen, Singen, Bewegung oder etwas anderes. Mir ist wichtig, dass du jetzt etwas tust, was DIR gut tut. Lass raus, was dich gerade bewegt. Und kein Stress heute mehr.

 

Und bitte denke daran: Du hast eine richtig dicke Belohnung verdient :-). Wonach ist dir?

Du bist so mutig!

Denn du hast eben in dich hineingesehen. Du bist durch den schweren Moment gegangen. Du hast dich dir selbst gestellt. Das braucht aus meiner Sicht so viel Mut. Und du hast es geschafft! Du hast dabei geweint. Und das ist so wichtig! So baust du den inneren und dich ursprünglich schützenden Staudamm ganz langsam, behutsam und in deinem Tempo zurück. Du hast einen großen Schritt eben gemacht. Du kannst dir aber mal sowas von stolz auf die Schulter klopfen :-). Auch wenn du vielleicht gerade einfach nur erschöpft und müde bist :-).

 

Und so hat sich der Artikel in eine etwas andere Richtung entwickelt, als ich es mir anfangs überlegt hatte. Aber bei der Frage „Was ist dir passiert?“ merkte ich, wie tief sie geht. Dir jetzt noch zu erzählen, warum sich der steinige Aufarbeitungsweg doch lohnt, würde nach meinem Gefühl nicht so richtig passen. So schreibe ich ein anderes Mal davon.

 

Hier geht es zu den beiden folgenden Teilen des Artikels:

Pass gut auf dich auf, du mutige Seele.

 

Herzensgrüße

 

Deine Kirsten